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'Zen und Zeit'

Wer heutzutage ein Buch über Zen schreibt (das ‚heutzutage‘ dabei so weit gefasst, dass es auch noch die vergangenen Jahrzehnte in sich schließt), der – ob männlichen oder weiblichen Geschlechts – behandelt Zen als eine feste, invariante, also gleichbleibende Größe. Entweder geht es um einen der sog. klassischen Zen-Texte, dessen Interpretation eine abschließende Bestimmung dessen ergeben soll, was Zen in den Augen des jeweiligen Verfassers ein für alle Mal ist (‚abschließend‘ insofern, als die vorgetragene Deutung nicht vom selben Autor gleich wieder in Frage gestellt wird oder auch nur von Dritten gleich wieder in Frage gestellt werden soll). Oder der Verfasser / die Verfasserin entwirft ein Bild des Zen, das es hinreichend gerechtfertigt (wenn nicht gar vermeintlich zwingend notwendig) erscheinen lässt, Zen der hilfs- und rettungsbedürftigen Öffentlichkeit anzuempfehlen – als die einzig wirksame Medizin in dieser oder jener Lebenslage, am besten aber im Alltag überhaupt. Beide Fälle haben das gemeinsam, dass in ihnen Zen als ein in sich zeitloses Ganzes dasteht, das jedem Angesprochenen verspricht, ihn oder sie als dieses eine Zen durchs Leben zu begleiten.

 

Einzugestehen, dass dieses Bild nicht der Wirklichkeit entspricht, hat meines Wissens bisher noch niemand den Mut gefunden. Freilich steht dabei nicht in Frage, dass Zen-Autoren durchaus auch darauf hinweisen, dass ein Zen-Anwärter auf dem Weg zum jeweils in Aussicht gestellten Zen unterschiedliche Phasen durchläuft – Phasen der bloßen Vorbereitung also. Aber das Zen selbst, wenn denn eines Tages tatsächlich erreicht, bleibt ein Ganzes von monolithischer Geschlossenheit – da gibt es, wie in einem Stück kostbarer, von den alten Chinesen besonders hochgeschätzter weißer Jade, keine Adern oder Risse, an denen das Ganze in Teile zerfallen könnte.

 

Doch so ist es nicht. Zen, genauer gesagt, das, was Zen mit uns und aus uns macht, unterliegt im Laufe der Lebensspanne, da wir intensiv und gleichbleibend Zen betreiben, durchaus der Veränderung. Entweder vollzieht die sich so schleichend, dass sie unserer Aufmerksamkeit entgeht; allenfalls stellen wir im Nachhinein überrascht fest, dass sich da etwas geändert hat, und finden uns damit ab. Oder wir sind uns der sich vollziehenden Veränderung bewusst und versuchen, weil wir das Geschehen als Krise erleben, sie zu unterdrücken und den Status quo unter Aufbietung aller Kraft aufrechtzuerhalten. Oder wir erkennen an, dass da etwas im Wandel begriffen ist, und lassen uns voll Erstaunen und vorsichtiger Bereitwilligkeit darauf ein.

 

Selbstverständlich gibt es auch den Fall, dass Menschen sich nach anfänglichem Eifer vom Zen abwenden – aus Enttäuschung, weil ihnen die Zen-Übung das nicht gebracht hat, was sie sich erhofft hatten. Oder den Fall, dass der eine oder die andere sich so viel an kritischem Denken bewahrt hat, dass ihnen doktrinäre Lehrinhalte ihrer jeweiligen Zen-Tradition nach einer Weile des Mitmachens inakzeptabel oder gar absurd erscheinen. Doch um derlei Fahnenflucht geht es hier nicht. Hier ist von denen die Rede, die ihrem einmal eingeschlagenen Zen-Weg bis ans Lebensende unbeirrt gefolgt bzw. fest entschlossen sind, ihrem Zen unbedingte Treue zu halten. Sie sind es, die sich nolens-volens den Veränderungen ausgesetzt sehen, die Zen auf ihrem Lebensweg überraschend für sie bereit hält. Und sie sind es zugleich, denen von vornherein reinen Wein einzuschenken Zen-Autoren sich verpflichtet fühlen sollten oder vielmehr sogar grundsätzlich verpflichtet sind – eine Pflicht, die leider bisher auf breiter Front missachtet wird.

 

Geschähe diesbezügliche Aufklärung, so wären wir Zen-Gäste vor einer Illusion bewahrt, deren Zerplatzen sich zu einer schmerzlich-dauerhaften Enttäuschung auswachsen kann.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)