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Wittgensteins Leiter

Sein berühmt-berüchtigtes Erstlingswerk, den Tractatus logico-philosophicus, beschließt der Philosoph Ludwig Wittgenstein mit der Bemerkung, bisweilen müsse man eine Leiter, auf der man hinauf- und über sie hinausgestiegen sei, wegstoßen und umwerfen – zum Zeichen, dass man ihrer nicht weiter bedarf.

 

Die Metapher der Wittgenstein’schen Leiter hilft uns, ein doppeltes Paradoxon aufzulösen, das dem Chan/Zen seit den Tagen eines Qing-yuan Xing-si (660 – 740) und damit seit einen Anfängen anhaftet: Dieser Qing-yuan hatte seiner spirituellen Entwicklung eine Mehrstufigkeit unterlegt, die auf eine Dreiteilung des ZEN-Weges überhaupt hinausläuft: „Vor dem ‚Erwachen‘ sind die Berge nichts als Berge und die Flüsse nichts als Flüsse; während des Zustands des ‚Erwacht-Seins‘ sind die Berge keine Berge und die Flüsse keine Flüsse mehr; und nach dem Zustand des ‚Erwacht-Seins‘ sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse!“ Demgemäß wäre die erste Etappe des ZEN-Weges dadurch charakterisiert, dass dort noch gar kein Zen stattfindet, und die dritte und letzte Etappe des ZEN-Weges bestünde darin, dass es dort Zen gar nicht mehr gibt. Wieso also können eine Zeitspanne vor dem Zen und mithin ohne Zen und eine andere nach dem Zen und somit ebenfalls ohne Zen dennoch Etappen des ZEN-Weges sein?

 

Nun, eine Leiter bedarf, um den Übergang von einem niedrigeren zu einem höheren Niveau ermöglichen zu können, eines festen Bodens, auf dem sie aufruht, damit ich überhaupt auf ihren Sprossen hinauf- und letztlich über sie hinaussteigen kann. Dieser feste Boden ist nichts anderes als unsere gesamte bisherige individuelle Lebensgeschichte, bis zu dem Augenblick, da wir für Zen empfänglich werden – unsere Inkubationszeit also. Sie ist geprägt von Wünschen und Hoffnungen, die wir seit Jugendtagen in uns tragen, von schmerzlichen Erfahrungen, die uns prägen, von unserem Lebensgefühl, das aus diesen Prägungen hervorgegangen ist, kurz von unseren – uns selbst oftmals verborgenen – Sehnsüchten und Ängsten. Ohne diese Vorbereitung käme es nie dazu, dass wir uns der Zen-Übung unterziehen, und nicht nur das: Diese Vorgeschichte bestimmt auch darüber, was Zen, wenn wir es dann endlich praktizieren, für uns bedeutet, was es mit uns und aus uns macht. Und insofern kann diese Vorgeschichte unserer Zen-Übung durchaus zu Recht bereits als Teil und erste Etappe unseres ZEN-Weges gelten.

 

Dann aber betreten wir irgendwann die unterste Stufe der Leiter, die da heißt ‚intensive Zen-Übung‘ alias ‚hartnäckiges Zazen‘. Das ist die Zeitspanne, in der wir dem Vorbild der alten Chan-Meister nacheifern, indem wir bemüht sind, die Anregungen in die Tat umzusetzen, die sich uns aus den großen Texten namentlich der chinesischen Song-Zeit aufdrängen. Und damit befinden wir uns eindeutig in der mittleren Etappe des ZEN-Weges, während derer uns große Erschütterungen und große Aufschwünge bevorstehen können – Stufe um Stufe höher die Leiter hinauf. Auf der höchsten Stufe angekommen, führen wir gleichsam ein Doppelleben, das Doppelleben des fēn-shēn, bei dem wir zugleich in einer anderen, jenseitigen Welt und in dieser Welt hier zuhause sind, ermöglicht durch das tóng sῐ tóng shēng, wie es uns das Bi-yan-lu immer wieder anempfiehlt, das ‚zugleich Sterben und zugleich Leben‘ (so die Formel, mit der uns ein Xue-dou Zhong-xian zur Nachfolge aufruft): Der Boden unter unseren Füßen tut sich immer wieder auf und gibt einen Abgrund frei, der sich seinerseits als eben der Boden erweist, auf dem wir hier inmitten der vergänglichen Dinge festen Fußes zu stehen vermögen.

 

Doch oben auf der höchsten Sprosse der Leiter angekommen zu sein erweist sich eines Tages als ein nur vorübergehender Zustand. Aufschwünge und Abstürze ebnen sich ein, der Boden unter unseren Füßen bleibt fest und geschlossen, und das ist nunmehr der Boden der Welt – der Boden, den die Dinge der Welt selbst darstellen. Ein ‚Jenseits’ hat sich verflüchtigt, es gibt kein ‚anderes Ufer‘ mehr hinter den Dingen der Welt. Wenn ZEN darin besteht, in zwei Sphären zugleich zuhause zu sein, einer leeren Weite in und hinter den Dingen und in den hiesigen Dingen selbst, dann bedeutet der neue und nunmehr endgültige Zustand, dass da kein ZEN mehr ist; dass wir die Leiter, auf der wir emporgestiegen sind, umgestoßen und fortgeworfen haben. Wir brauchen sie nicht mehr; der tiefe Frieden, der uns während des Aufstiegs aus der Erfahrung einer ‚anderen Welt‘ erwachsen ist, er liegt nunmehr in den Dingen selbst.

 

„Die Berge sind“ – mit Qing-yuan gesprochen – nunmehr „wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse“, und wir haben die „ganze große Erde“, wie uns einst Yun-men mit Nachdruck ans Herz gelegt hat, als er seinen „Wanderstab“ hat „Himmel und Erde verschlingen“ lassen, nunmehr für immer „wiedererlangt“ (Kôan 60 Bi-yan-lu). Das ist, laut Qing-yuan, die dritte Etappe des ZEN-Weges – nur dass das ein anderes ZEN ist als zuvor – ohne Doppelbödigkeit der Welt, ein unerschütterliches Ruhen in der Vergänglichkeit der Dinge, kurz, eine neues Paradoxon: Wie kann es Ruhe und Frieden des Herzens, wie kann es ein Gefühl von Sicherheit geben in einer durch und durch unsicheren, weil vergänglichen Welt? Da statt des Fragezeichens ein zuversichtliches 'Ja' zu erfahren, eben darin besteht das neue und endgültige ZEN – ein ZEN jenseits der ‚Alten‘: jenseits von Bi-yan-lu und Cong-rong-lu, und sogar noch jenseits des Wu-men-guan mit seiner ‚Großen Leere‘ oder tài-kōng! Ein ZEN nur aus der Fülle des Seins!

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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