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'Stehengeblieben' oder 'Weitergegangen'? Eine Klarstellung

Laut Kôan 25 Bi-yan-lu hat der Einsiedler Xiang von der Lotosblumenspitze seinen Besuchern immer wieder die eine Fangfrage entgegengehalten: ‚[Als] die Alten bis hierher‘ – er zeigt seinen Wanderstab vor – ‚gekommen waren, warum sind [sie] da nicht bereit gewesen, [dabei] stehenzubleiben?‘ Doch das chinesische Original lässt eine andere Übersetzung weitaus plausibler erscheinen: ‚Die Alten sind [nur] bis hierher gekommen – warum nicht bereit sein, [dabei] stehenzubleiben?‘

 

Und Qing-yuan Xing-si, angeblichem Schüler Hui-nengs und seinerseits Lehrer des Ma-zu-Gegenspielers Shi-tou, wird der Ausspruch zugeschrieben: ‚Bevor ich mich auf den Zen-Weg begeben habe, waren die Berge Berge und die Flüsse Flüsse; als ich dann den Zen-Weg beschritten habe, waren die Berge plötzlich keine Berge und die Flüsse keine Flüsse mehr – jetzt aber, am Ende, sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse geworden.‘   

 

Wenn wir diese beiden Äußerungen zueinander in Beziehung setzen, so ergeben sich zwei mögliche Übergänge, an denen ein ‚Wanderer‘ stehenbleiben oder weitergehen kann: an der Schwelle zwischen der Wegstrecke vor der Zen-Übung und der Ze-Übung selbst sowie zwischen der Zen-Übung bis hin zum ‚Erwachen‘ (die Japaner sprechen von Satori) und der abschließenden Wegstrecke ‚nach dem Erwachen‘. Die Fangfrage des Xiang zielt dabei, wie leicht ersichtlich, auf den zweiten, den Übergang von der zweiten zur dritten Etappe des Zen-Weges, weil mit Xiangs ‚Alten‘ nur Menschen gemeint sein können, die den Zen-Weg längst erfolgreich beschritten haben.

 

Soweit, so gut. Doch wenn wir von hier aus unseren Blick auf Hong-zhi werfen sowie auf das, was der Leser, die Leserin in ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“ über die zweite und dritte Etappe des Zen-Weges zu lesen bekommt, stellt sich Erstaunliches heraus. Hong-zhi hält unbeirrt, von keinem Anhauch des Zweifels behelligt, an der Existenz einer shûnyatâ als ‚wahrer Wirklichkeit‘ fest, charakterisiert durch einen ‚Frieden ohnegleichen‘ und ‚erfüllt von Ruhe und Wohlergehen‘. Das entspricht haargenau der Schilderung, die das Kapitel Die Gärten des Großkönigs von der zweiten Etappe des Zen-Weges entwirft. Da ist auf den Seiten 300/301 von einem ‚unabweisbare[n] Erleben‘ die Rede, ‚dass die Dinge nur Oberfläche sind (die »seidendünnen« – freilich überaus farbigen – »Schattenbilder« Hong-zhis) und sich dahinter – wie hinter einem Spiegel, wie unter der spiegelnden Oberfläche eines still ruhenden Gewässers – etwas anderes zeigt, eine andere Welt aus Stille und Leere, die dich unverbrüchlich aufnimmt und trägt. … Das ist, mit den Worten eines alten Chinesen, das mittlere Stadium auf dem Weg eines Chan- oder Zen-Menschen, in dem »Berge keine Berge und Flüsse keine Flüsse mehr sind«, sondern halt nur die Maskierung einer dahinter befindlichen anderen, einer – vermeintlich – »wahren Wirklichkeit«.‘

 

Demnach wäre der Hong-zhi einer ‚leeren Wüste‘, der durchweg an seiner Doktrin einer shûnyatâ festgehalten hat und für den eine Welt ohne ‚wahre Wirklichkeit‘ jenseits der Dinge undenkbar geblieben ist, durchaus ‚stehengeblieben‘ – er ist also gerade nicht ‚weitergegangen‘, hinein in eine dritte Etappe des Zen-Weges, bei der »die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse sind« und sonst nichts, eine dritte Etappe, wie sie mein ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“ im Einzelnen zu beschreiben versucht hat. Aber ist das nicht pure Anmaßung, dass ein Niemand, ein bis dahin namenloser Neuling, es sich herausnimmt, einem anerkannt Großen des Chan vorzuhalten, er sei sozusagen auf halber Strecke ‚stehengeblieben‘? Nun, dieser Neuling kommt bei der unumgänglichen Verlängerung des mittelalterlichen Chan/Zen bis in die Gegenwart hinein um ein solches Urteil nicht herum, weil unsere auf neuzeitlichem Verständnis beruhende Sicht auf Mensch und Welt ihm keine andere Wahl lässt.

 

Andererseits ist Hong-zhi im Sinne des Kôan 25 Bi-yan-lu gerade nicht ‚stehengeblieben‘. Hat doch der Einsiedler Xiang zunächst seinen verdutzten Besuchern auch gleich die von ihm intendierte Antwort auf seine Fangfrage preisgegeben: ‚Weil ihr [, der Alten,] Weg keine Kraft besessen hat!‘ oder besser: ‚keine Kraft besitzt!‘ – um dann anschließend klarzustellen, dass die bei den Alten zu vermissende Kraft sich darin äußert, ‚sich eine Eschenholzstange mit Vorräten an Weichkastanien quer über die Schultern zu legen und ohne Rücksicht im Gegenteil hinein in [die Bergwelt der] tausend und zehntausend Gipfel hineinzugehen!‘  Wenn wir diese Metapher zusammen mit der zuvor bekräftigten Kraftlosigkeit des Weges der Alten in Klartext übersetzen, so ergibt sich: Der Weg der Alten hat als der Weg ins nirvâna, als das fortwährende Bemühen, sich der Welt zu entwinden und ins endgültige Verschwinden einzugehen, nicht die Kraft besessen, sich den Zehntausend Dingen zuzuwenden, ihnen ein eigenes Recht, einen eigenen Wert zuzugestehen und sich in ihnen demgemäß zu bewähren. Hong-zhi aber fordert in seinen Lehrreden gerade dies (und beansprucht es damit indirekt auch für sich selbst), unsere ‚alte Heimat‘, das ‚wirklich Wirkliche‘, die shûnyatâ, dadurch zu ‚bezeugen, dass wir sie zu einem »Ackerland« erheben, das als seine Frucht unser Sich-Bewähren in der irdischen Welt hervorbringt‘.

 

Und doch besteht da zwischen der zweiten Etappe, wie sie mein ZEN – „Der Duft Hunderter von Blumen“ entwirft, gegenüber derjenigen, bei der Hong-zhi ‚stehengeblieben‘ ist, ein erheblicher und letztlich entscheidender Unterschied: Da ist – in den Gärten des Großkönigs – nur von einem subjektiven Erleben die Rede, wenn es heißt, dass sich hinter den Dingen – wie unter der spiegelnden Oberfläche eines still ruhenden Gewässers – etwas anderes zeigt, eine andere Welt aus Stille und Leere, die dich unverbrüchlich aufnimmt und trägt. Dass es sich bei dieser ‚anderen Welt aus Stille und Leere‘ nur um eine Projektion unserer eigenen, subjektiven Befindlichkeit handelt, wird uns in Stunden wachsamer Selbstreflexion bereits während der zweiten Etappe selbst zumindest ansatzweise bewusst, was aus dieser ‚anderen Welt‘ als einer bloß subjektiv erfahrenen ‚wahren Wirklichkeit‘ – anders, als es bei Hong-zhi der Fall ist – eine nur ‚vermeintlich »wahre Wirklichkeit«‘ macht. Und dass sich diese Einsicht in uns mehr und mehr durchsetzt, macht seinerseits als der Übergang in die dritte Etappe des Zen-Weges eben jenes ‚Weitergehen‘ aus, das einem Hong-zhi mit seinem mainstream-konformen Festhalten an einer tatsächlich existierenden ‚wahren Wirklichkeit‘ hat versagt bleiben müssen: Wenn eine ‚wahre Wirklichkeit‘ im Sinne Hong-zhis entfällt, bleiben nur die Dinge als einzige Wirklichkeit, dergestalt, dass »die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse sind« und nichts sonst. Kein Ausdruck oder Abdruck eines dahinter verborgenen Ewigen.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)