· 

ZEN mit Ausrufezeichen (3)

„Hiersein ist herrlich“, dekretiert Rilke in seiner 7. Duineser Elegie. Doch das lässt sich noch steigern: Herrlicher nichts denn Hiersein, hier in der Welt unseres Blauen Planeten – allerdings nur, soweit wir noch nicht durch unwiderrufliche Zerstörung an ihr schuldig geworden sind und solange wir das Gleichgewicht ihrer bisherigen Zyklen noch nicht derart in chaotische Unabsehbarkeit versetzt haben, dass von ihr nur eine ‚unbewohnbare Erde‘ zurückleibt.

 

Herrlicher nichts denn Hiersein – das ist zunächst einmal ein Jubelruf, wie er für die mittlere Etappe des ZEN-Weges typisch ist, entstammt er doch einem Gedicht, das mit seiner Entstehung 1996 deutlich in die Anfangsphase ekstatischen Überschwangs gehört:

 

Kein andrer Ort ist vonnöten, / Dass glückselig wir sind, / Kein ‚Reines Land‘ fern in Weiten, / Hier der Gott, dem nichts fehlt. / Du bist‘s, deine Vollendung, und nicht mehr / Willst du anderswohin. / Herrlicher nichts denn Hiersein.

 

Herrlicher nichts denn Hiersein – das gilt freilich auch und erst recht für die dritte Etappe, wenn mit dem Wegfall von dharmakâya, dharmadhâtu oder shûnyatâ auch jede Alternative zum Irdisch-Diesseitigen verschwunden ist. An der Gültigkeit dieses Ausrufs ändert auch die logische Anomalie nichts, dass in einer Situation, die keine Alternative kennt, ein Komparativ oder gar ein versteckter Superlativ schlechterdings nicht zulässig sind. Gibt es doch immerhin unterschiedliche Arten des ‚Hierseins‘, von denen nur eine den Anspruch erheben kann, als ‚Vollendung‘ zu gelten und erfahren zu werden. Und das ist die Beständigkeit, mit der wir uns innerhalb der Zehntausend Dinge, ihrer Unbeständigkeit unerachtet, aufgehoben fühlen, wenn wir erst einmal durch die Übung des ‚vollständig Sterbens‘ gelernt haben, zu unserem Selbst emotionalen Abstand einzuhalten. Erinnern wir uns an Yun-mens Ausspruch im Kôan 90 Bi-yan-lu:

 

Arznei und Krankheit heilen sich gegenseitig: Die ganze große Erde ist Arznei – was aber ist das Selbst?

 

Für uns hier entscheidend der Satz: Die ganze große Erde ist Arznei – Arznei gegen das Gefühl der Verlorenheit in den leeren Weiten einer sinnlosen Welt. Und das Selbst mit seiner Unvermeidlichkeit von Angst ist eben das, was uns zuvor bei Scheitern, Schmerz und Verdüsterung immer wieder in die Krankheit der Verzweiflung zurückgetrieben hat. Jetzt aber erlaubt uns das eingeübte Abtauchen in den Abgrund des ‚Da ist nichts!‘, das Selbst hintanzustellen und uns den Dingen der Welt im wortwörtlichen Sinne anheimzugeben: dass sie uns als unsere Heimat aufnehmen und so behütet wie erfüllt sein lassen. Von ihnen hingerissen liefern wir uns an sie aus, von Stille, Glück und Frieden beseligt.

 

Werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte des Zen. Da war, im chinesischen Chan, gleichfalls von ‚Heimat‘ die Rede, sogar von einer doppelten – hier von einem der Bereich der ‚wahren Wirklichkeit‘, als unsere ‚wahre‘ Heimat deklariert, und dort von einer nachgeordneten Heimat, dem angestammten ‚Dorf‘, wie es im Bi-yan-lu geheißen hat, in das es ‚heimzukehren‘ gilt, wie es Hong-zhi in seinen Lehrreden immer wieder formuliert. Ich habe diese Doppelung schon wiederholt der Kierkegaard’schen Entgegensetzung eines ‚absoluten‘ und eines ‚relativen Telos‘ gleichgesetzt, derart, dass im historischen Chan/Zen der dharmadhâtu oder dharmakâya alias shûnyatâ für das menschliche Streben absoluten Vorrang gegenüber der bloß relativen, doch zugleich unabdingbaren Bedeutsamkeit des irdischen Lebens besitzt (bei Kierkegaard ging es um das Aufgenommen-Werden in die ewige Gnade Gottes gegenüber dem von Gott uns zugestandenen Anrecht darauf, auch im irdischen Leben Freude und Zufriedenheit finden zu können).

 

Demgegenüber hat mit der dritten Etappe des ZEN-Weges – Herrlicher nichts denn Hiersein – eine Umkehrung stattgefunden. Nunmehr bieten sich uns eben die Zehntausend Dinge, die für die alten Chinesen nur ein ‚relatives Telos‘ sein konnten, genau andersherum als das ‚absolute Telos‘ an, als dasjenige Ziel, das uns Erfüllung, ja endgültige Erfüllung verspricht. Und diesmal sind wir, was den Einwand einer logischen Anomalie angeht, obendrein sogar aus dem Schneider: Diesmal gibt es auch für uns ein Zweites, ein ‚relatives Telos‘, das erst durch seine Relativität die Bezeichnung eines ‚absoluten Telos‘ möglich macht. Und das ist die Versenkung in das ‚Da ist nichts!‘, das ‚vollständig Sterben‘, das zwar letztlich nur Mittel zum Zweck, aber als eben dieses Mittel zugleich auch unerlässliches Ziel unserer Bemühung sein muss.

 

Wir können es auch so sagen: Ist es einst eine besondere Wirklichkeit jenseits der Welt der Dinge gewesen, ein dharmakâya oder dharmadhâtu, auch shûnyatâ oder fó-xìng ( ‚Buddha-Natur‘ oder genauer ‚Buddha-Wesen‘ ) genannt, in die es einzutauchen galt, mit ihr eins zu werden und solchermaßen in ihr aufgehoben zu sein, so sind es nunmehr die Zehntausend Dinge selbst, die die hymnische Charakterisierung verdient haben, der Ort unserer Geborgenheit zu sein. So haben sich die Verhältnisse regelrecht auf den Kopf gestellt.

 

Ja noch mehr: Jeder, der die Einübung ins Kôan MU ernsthaft und bis zum Ende betreibt, sich den Erfahrungen dieser Einübung ins ‚Da ist nichts!‘ bzw. ‚Hinter den Dingen ist nichts!‘ aussetzt und zugleich vor dem jeweiligen Stand unseres sich ständig erweiternden Wissens über Dinge und Welt nicht die Augen verschließt, muss sich eingestehen, dass wir, so durch und durch sterblich wir sind, aus dieser Geborgenheit nicht herausfallen können: Unser Sterben und Tod bedeuten nicht, dass wir aus der Welt heraustreten, denn dazu müsste es ein Außerhalb geben; weil das jedoch – ‚Hinter der Welt ist nichts!‘ – nicht zutrifft, verbleiben wir noch mit unserem In-uns-selbst-Verschwinden innerhalb der Welt: Wie wäre das kein unverbrüchliches Aufgehoben-Sein hier inmitten der Zehntausend Dinge und unser Verweilen in ihnen, von einem aus Hingabe erwachsenden Frieden erfüllt, mit Wu-men, dem „Erfinder“ des epochalen Kôan MU gesprochen, kein freudevolle Glück!?

 

Zum Beispiel Skovby, September ‘Neunzehn: Ein Mond, der sich zur Scheibe rundet, und die Sonne in der Morgenfrühe strahlend über See, zu flüssigem Silber ausgebreitet; in den Nächten steigt von Süden leuchtend der Orion herauf, und Tags rückt eine lastende Wolkenbank die Weite des Himmels ins Licht. Hängebirken, schlank und steil, wiegen sich unter den Händen eines liebkosenden Windes, der in den Abend hinein sanft erlischt: Stille rings ‚vor der Türe des Hauses‘, wie es bei Hölderlin heißt, und du ‚schaust‘ nicht nur ‚den Frieden‘, du bist der Glanz, den er über die Dinge legt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)