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ZEN mit Ausrufezeichen (2)

Die andere, sozusagen diesseitige Seite des ZEN ist die der Lebensfreude und Weltbejahung, die aus dem Durchgang durch’s dà sĭ, das ‚vollständig Sterben‘, erwachsen:

 

Zhao-zhou fragte Tou-zi: „Wenn ein Mensch, der vollständig gestorben ist, dennoch lebt, was dann?“

Tou-zi sagte: „Ich erlaube nicht, bei Nacht zu reisen; in die Helle des Tages hinein muss man ankommen!“ (Kôan 41 Bi-yan-lu)

 

Diese Lebenslust eines hellichten Tages, wenn sie denn anhält, und das tut sie, ohne ein Zutun unsererseits – sie durchläuft zwei aufeinanderfolgende Phasen. Die erste, die sattsam bekannte ‚mittlere Etappe‘ des ZEN-Weges, während derer „die Berge keine Berge und die Flüsse keine Flüsse mehr sind“, ist dadurch charakterisiert, dass die ‚Zehntausend Dinge‘, wie die alten Chinesen gesagt haben, aus der ‚Leere‘ erglühen, aus der Stille und dem Frieden der shûnyatâ, die sich hinter den Dingen auftut. Diese ‚Leere‘ legt sich wie ein berauschender Glanz über die Welt, aus dem die Dinge um uns herum uns gleichsam anspringen, uns mit der Intensität ihrer Farbenpracht und Lebensglut mit sich fortreißen. Es ist jedesmal die ‚Erfahrung von shûnyatâ‘, urplötzlich und überraschend, die uns in ein ekstatisches Ja-Sagen versetzt und die ‚Zehntausend Dinge‘ mit einer Fülle auflädt, die etwas anderes als solch ekstatisches Ja-Sagen gar nicht zulässt.

 

So hat unsere Lebensfreude, wie sie für die erste Phase typisch ist, zwar ihren Anlass in den konkreten Dingen der Welt, doch sie entstammt allemal der ‚Erfahrung von shûnyatâ‘ und erweist sich damit als eine Lebensfreude aus – nichts.

 

‚Aus nichts‘ – das gilt auch für die zweite Phase unserer Welt- und Lebensbejahung, mit den Worten der alten Chinesen die ‚dritte Etappe‘ des ZEN-Weges, während derer „die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse sind“. Doch das ist ein anderes ‚aus nichts‘ als zuvor. Denn nunmehr gilt: ‚Hinter den Dingen ist nichts’ oder gar ‚Hinter den Dingen ist nichts!‘ – auch keine shûnyatâ, nicht einmal eine bloß subjektiv erfahrene. Auf uns selbst als unserer selbst bewusste Wesen mit keineswegs invariantem Ich bezogen heißt das: Wir sind nicht aus einen Anderen entstanden, auch nicht aus einem ‚Nichts‘ und erst recht nicht aus einem ‚Geist‘ am Grund der Welt, der zugleich ‚Nicht-Geist‘ ist, wie ihn die Hong-zhou-Schule gelehrt hat. Unser Hervortreten in die dichtgedrängte Welt der Dinge ist ein spontanes Geschehen, ‚aus sich selbst heraus‘, zì-rán, wie schon die einschlägige Formel des Daoismus lautet. Auch die vielerlei Wandlungen, die unser Ich im Laufe des Lebens erfährt, müssen als das Entstehen eines jeweils ‚Neuen‘ verstanden werden, das eben als ‚Neues‘ nicht aus Vorangegangenem ableitbar ist, beschreibbar als der Sprung eines in die Phase chaotischer Instabilität eingetretenen Systems in eine neue, unvorhersehbare Ordnung. Und nicht nur das; wir finden uns zudem, wenn wir zu uns selbst erwachen, in einer gleichermaßen spontan entstandenen Welt, ‚hinter der nichts ist – einer Welt, in der jede neue Stufe der Evolution, globaler oder lokaler, ein spontanes Ereignis darstellt, ‚aus sich selbst heraus‘ geschehen. Dass auch die Welt als Ganzes – und das meint nunmehr das Universum insgesamt – im Nullpunkt des ‚Urknalls‘ nicht aus einem ‚Nichts’ hervorgetreten ist, sondern eben ‚aus sich selbst heraus‘, sei nur am Rande erwähnt.

 

Noch etwas, sogar etwas Grundlegendes hat sich geändert. Mit dem Wegfall der shûnyatâ, auch noch einer nur subjektiv erfahrbaren shûnyatâ, sind die 'Zehntausend Dinge', in deren Mitte wir uns vorfinden, nicht länger gleichsam hohl, nur Außenseite einer dahinter befindlichen ‚Großen Leere‘, sondern nunmehr massiv, durch und durch real. So stehen sie, um eine Formulierung Rilkes aufzugreifen, um uns her, dicht und solide, geben uns Halt, physisch und emotional. Es ist das ein Umringen, das wir fortan nur als wohltuend und beschützend erleben können – als eine Geborgenheit, die für Ödnis und Verlassenheit keinen Platz lässt.

 

Und wie die ‚Zehntausend Dinge' uns im Augenblick unseres spontanen Zu-uns-selbst-Kommens in ihren Umkreis aufgenommen haben, so halten und stützen sie uns, bis wir – ohne dass sie das verhindern könnten – ebenso spontan in uns selbst verschwinden. Das ist das Gegenstück zu dem Ursprungs-Faktum, dass wir ‚aus nichts‘, aus keinem Anderen, sondern aus uns selbst hervorgetreten sind. Doch diese Aussicht kann uns, die wir täglich das ‚vollständig Sterben‘ geübt haben, ganz und gar nicht erschrecken. Zwischen diesen beiden Eckpunkten unserer Existenz für eine wenn auch endliche Dauer hier in der Welt zu sein, ist uns genug; ein Sehnen darüber hinaus erübrigt sich, weil wir, bildlich gesprochen, randvoll gesättigt sind – haben wir doch durch das dà sĭ als unseren täglichen Begleiter während der vorausgegangenen Etappe unseres ZEN-Weges sowie durch das immer wieder überraschende Erleben einer uns verschlingenden shûnyatâ gelernt, das Leben, die Rückkehr aus dem Sterben in die Welt und das gleichsinnige Wieder-Hervortreten aus der shûnyatâ, als ein Geschenk zu erfahren, das uns Dankbarkeit einflößt, ohne dass es denjenigen gäbe, dem wir dieses Geschenk zu verdanken hätten. Da ist nichts und niemand, dem wir unsere Dankbarkeit antragen könnten, was der freudigen Hinnahme des Geschenks ‚Leben‘ den Glanz eines ‚Mehr als genug‘ verleiht.

 

Zu diesem Glanz tragen auch die ‚Zehntausend Dinge‘ bei, die mit ihrer uns erhebenden Anmutung nunmehr der Quell unserer Freude sind: Statt dass uns, wie zuvor, die Erfahrung von shûnyatâ in einen ekstatischen Jubel der Freude ausbrechen lässt, ist es fortan die uns umgebende und sichere Welt des Konkreten, die uns mit einer eher gelassenen und gleichbleibenden, aber gleichwohl selbstlosen Freude erfüllt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)