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ZEN mit Ausrufezeichen (1)

Dieser Eintrag stellt zusammen mit den beiden nachfolgenden Einträgen die Fortführung der drei älteren Einträge ‚Zen mit Fragezeichen (1) – (3)‘ dar.

 

Mit Zen können wir uns auf vielerlei Weise befassen. Wir können Bücher lesen oder Bücher schreiben. Allerdings, so hilfreich und bisweilen unumgänglich es sein mag, die Klassiker der Chan-/Zen-Literatur zur Kenntnis zu nehmen, ist das bei Weitem noch kein Zen. Auch wenn wir selbst Bücher zum Thema ‚Zen‘ verfassen, reicht das noch keineswegs an Zen heran. Zen, tatsächliches Zen, beginnt erst dann, wenn wir Zazen praktizieren, das ‚Sitzen in Versenkung‘, und das ernsthaft und mit dem Vorsatz auf Dauer. Doch auch da gibt es Abstufungen und Unterschiede.

 

In Versenkung sitzen heißt, die Tore zur Welt zu verschließen, sich nach innen zu wenden und dort alle Vorstellungen, Bilder und Wahrnehmungsreste von sich abfallen zu lassen. So geschieht es beim ‚Nur-Sitzen‘, dem Shikantaza der Sôtô-Schule. Eine solche Versenkung mündet in einen Zustand klarer und zugleich inhaltsleerer Bewusstheit. Es ist dabei auch von einem ‚reinen Bewusstsein‘ die Rede, einem Bewusstsein, das nicht Bewusstsein von etwas ist, nicht einmal von sich selbst. Auf diese Weise führt Versenkung zu einer Ruhe und Stille, die wie ein Frieden ohne räumliche und zeitliche Grenzen ist.

 

Doch auch damit ist noch keineswegs ausgeschöpft, was Zazen an Möglichkeiten in sich schließt. Versenkung reicht noch eine ganze Stufe tiefer hinab. Während die Gelassenheit des ‚reinen Bewusstseins‘ wie ein unerschütterliches Fundament erscheint, auf dem wir sicher ruhen und verweilen können, müssen wir uns, um Zen ganz auszuschöpfen, noch darauf einlassen, dass sich unter dem vermeintlich festen Boden des ‚reinen Bewusstseins‘ ein Abgrund auftut, eine radikale Bodenlosigkeit, in die zu stürzen wir uns nicht wehren können. Todesangst überkommt uns; ein Aufschrei des Entsetzens, der uns lautlos erfüllt oder gar als unwillkürlicher Ausbruch die Stille der Zendô sprengt. Dann erst sind wir auf der tiefsten Stufe der Versenkung angekommen.

 

Dass es so weit kommt, dazu bedarf es allerdings einer bewussten Entscheidung: Wir müssen uns dazu entscheiden, der vermeintlichen Sicherheit, die das ‚Nur-Sitzen‘ gewährt (Dôgen: ‚Sitzen ist bereits Erleuchtung!‘) zu entsagen. Wir müssen bereit sein, uns mit unserem Zazen auf ein Sterben einzulassen, ein spirituelles Sterben, das auf Selbstauslöschung hinausläuft. Die alten Chinesen haben da von dà sĭ gesprochen, einem ‚vollständig Sterben‘, von den Japanern fälschlich als ‚Großer Tod‘ übersetzt. Und diesem ‚vollständig Sterben‘ nähern wir uns, in dem wir das KÔAN MU praktizieren: ‚Da ist nichts, weder in uns selbst noch als Welt um uns herum!‘ Tritt dies ‚Da ist nichts!‘ dann tatsächlich ein, löst es, obwohl doch vorsätzlich intendiert, einen Schock des Entsetzens aus, eines Entsetzens freilich, das umschlägt in den Jubel einer Lebensfreude und Weltbejahung sondergleichen. So ist nicht Absturz das Letzte und letztlich Intendierte, sondern ein gesteigertes Lebensgefühl, eine Freude und Zuversicht, die keiner Begründung bedarf, die einfach nur da ist, aus ‚nichts‘.

 

ZEN erweist sich damit als ein regelrechtes Experiment, nicht mit Mäusen oder Rhesusaffen, sondern als ein Experiment mit uns selbst, mit unserer je eigenen Existenz: Wir geben uns auf, um uns zu gewinnen – und mit uns die Welt. Denn ZEN ist mehr als nur ein bloßer Ego-Trip, und das liegt ihm sozusagen bereits in den Genen: Der Überschwang an Lebensfreude ist der an einer Welt, die uns ihrerseits mit Glück erfüllt. Liebende, ja hingerissene Zuwendung breitet, lyrisch-emphatisch gesprochen, uns der Welt gegenüber unsere Arme aus. Und in Prosa gesagt, schließt das bei der ökologischen Katastrophe, in die wir unseren ‚Blauen Planeten‘ stürzen, praktische Verantwortung mit ein, zumindest in Gestalt des Versuchs, das Schlimmste doch noch zu verhindern – bei Strafe unseres eigenen zivilisatorischen Untergangs.

 

Zunächst aber verlangt ZEN von uns, und zwar unerbittlich, dass wir uns bei der Wendung nach innen einem Absturz in die Schwärze des ‚Da ist nichts!‘ aussetzen. Das ist keine bloß gedankliche Einübung in Sterben und Tod, sondern das emotionale Wagnis, sich dem Sog in einen Abgrund der Vernichtung zu überlassen. Wir müssen bereit sein, geradezu leibhaft zu erfahren, dass es da in uns kein unerschütterliches Etwas gibt, keine ‚unsterbliche Seele‘, kein festes, unwandelbares Ich, von einem Gott mit dem Versprechen geschaffen, es für immer vor dem Absturz ins Nicht-Sein zu bewahren. ZEN, von seiner Herkunft her eine Spielart des Buddhismus, läuft auf das genaue Gegenteil hinaus.

 

Und vielleicht ist das die menschheitsgeschichtliche Leistung der Buddha-Lehre, dass sie uns, mit der Anâtman-Doktrin, das Eingeständnis zumutet, nichts in uns zu tragen, was über unseren Tod hinaus Bestand hätte: Alle theistischen Religionen, den Hinduismus eingeschlossen, haben demgegenüber das gemeinsam, dass sie uns mit der Behauptung eines unzerstörbaren Kerns zu trösten bemüht sind, den wir – glücklicherweise – in uns tragen. Doch auch der Buddhismus hat als etablierte Religion, erst recht als Volksreligion, nicht umhin gekonnt, sich zu einem ewigen Wesen in jedem von uns wie in allen Dingen zu bekennen, dergestalt, dass etwa der Mahâyâna-Buddhismus noch das ‚Da ist nichts!‘ zu einem zeitenthobenen Etwas, eben dem Nichts der shûnyatâ und diese wiederum zu unser aller ‚Buddha-Wesen‘, fó-xìng, erhoben hat. Darin zeigt sich zweifellos das unumgängliche Zugeständnis an die tiefverwurzelte Angst des Menschen vor Verlassenheit und Tod. Einzig ZEN hat den Mut, uns dazu herauszufordern, über den Absturz in unmittelbar erlebtes ‚Da ist nichts!‘ hinaus auch eine radikale Sterblichkeit zu akzeptieren, die von uns in Sterben und Tod nichts übrig lässt, nicht einmal einen noch so verschwindenden unzerstörbaren Rest.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)