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Lass alles los

Lass alles los,

Auch noch den letzten Gedanken,

Auch noch das letzte Wort.

Warte auf das Geheimnis,

Das sich an dir vollzieht.

Lass auch das Warten noch los.

Dann tritt wie sacht in dich ein,

Was einst von kundigen Meistern

Der ‚Große Tod‘ genannt,

»Glieder-lösend« auch er,

Sanft seine all-löschende Hand

Dir auf den Augenlidern.

 

Und plötzlich regt

Sich, während du dir entschwindest,

Weltlose Ungestalt:

Weiten kommen ins Fließen,

Strömen dir meergleich zu,

Einwärts nur scheintoter Haut,

Jetzt kaum noch Hülle – um Licht.

Was so dich weitet – und gibt dich

An Mensch und Welt zurück,

Dich, die Augen voll Glanz –

Macht wie ein Kind, macht dich so recht

Fröhlich und ausgelassen.

 

(2000)

Dass es in der ersten Strophe vom ‚Großen Tod‘  heißt: »Glieder-lösend« auch er, will als Anspielung auf das altgriechische Epos verstanden sein; dort ist es der Gott Eros, der Mensch und Tier zur geschlechtlichen Vereinigung treibt und von dem – mit heidnischer Offenheit – gesagt wird, dass er uns im Liebesspiel ‚die Glieder löse‘; ja er heißt geradezu „der Glieder-lösende Eros“!

 

Die weltlose Ungestalt ist nichts anderes als Lin-ji’s ‚wahrer Mensch ohne Rang‘. Beides zielt auf dasselbe: auf das, was wir im Grunde sind, auf unsere ‚Buddha-' oder ‚Selbst-Natur‘, von der Hakuin in seinem Zazen Wasan schlicht und ergreifend eingesteht, dass sie gar keine Selbst-Natur ist, sondern – nichts. Auch der ‚wahre Mensch‘ des Lin-ji besitzt keineswegs Menschengestalt; und dass er ‚ohne Rang‘ ist, besagt, dass er außerhalb aller gesellschaftlichen, ja kosmischen Ordnung steht, mithin keinen wie immer gearteten, auf jeden Fall aber fest umschriebenen Platz im Weltgefüge einnimmt. Er ist jenseits davon und frei.