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Wie leicht noch, du hörst sie

Wie leicht noch, du hörst sie,

Verstehst du die Stimme der Vögel.

Schon dem Schweigen der Bäume,

 Welches Wort, wenn kein Windgesang

Weilt im Hohlwerk der Blätter,

Willst du ihm entlocken?

Öffne du deinen Leib, dass hautlos

Du den „Dingen“, den „unbeseelten“

Erst recht so, und fühlst du,

Was aus ihnen zu dir will?

Dankbarkeit: Die Glut ihres Daseins,

Deine ist es, nämlich entstammt sie

Unwandigem Schacht deiner Fülle.

Hier kehrt sie und jetzt dir wieder,

Beidseits flussloses Fließen.

Und so, jenseits der Worte,

Verstehst du die „Rede“ sogar noch „des Unbeseelten“.

 

Vernehmbar, du weißt es,

Die Botschaft des „nicht auch Beseelten“

Dir nur, wenn du die Stimme,

Die da spricht, selber bist, und das

Ist die Stimme des Schweigens.

Wo Sprechen und Sein eins

Sind, geschieht auch Gehör dir lautlos

Nur durchs Ohr deines Seins. Doch schmerzlich,

So scheint es, dass einzig

Dein Nicht-Sein der Stimme dich,

Der des sprachlos Sprechenden, eint. Du

Freilich, längst erfahren im Sterben,

Frohlockst dich durchs eigne Verstummen

Ins Schweigen des „Unbeseelten“

Hinein, Stimme des Nicht-Seins

Auch das: Reine Bejahung,

Die jubelnd erst macht, dass sie leben, die Welten, grundlos.

 

(1995)

In diesem Gedicht verbindet sich das Eins-Sein mit der Shûnyatâ als dem Quell und Ursprung der Dinge – Die Glut ihres Daseins, / Deine ist es, nämlich entstammt sie / Unwandigem Schacht deiner Fülle – mit der Lehre der Cao-Dong-Schule, dass auch die unbeseelten Dinge den Buddha-Dharma verkünden – in diesem Fall die ‚Lehre‘, dass sich in den Dingen als deren ‚wahres Wesen‘ eine – vermeintlich – reale Shûnyatâ verbirgt, ein Nicht-Sein, das keinen Schmerz und keine Vergänglichkeit kennt.

 

Im Kôan 39 Denkôroku findet sich zu Dong-shan Liang-jie, dem Mitbegründer der Cao-Dong- oder Sôtô-Schule, folgende Begebenheit: Dong-shan besuchte einmal Meister Yun-yan und fragte: ‚Wer vermag die Lehrrede des Unbeseelten zu hören?‘ Yun-yan antwortete: ‚Die unbeseelten Dinge können sie hören!‘  Dong-shan fragte weiter: ‚Könnt Ihr sie hören?‘, worauf Yun-yan erwiderte: ‚Wenn ich sie hörte, würdest Du meine Unterweisung nicht hören.‘ Da sagte Dong-shan: ‚Wenn dem so ist, dann höre ich Eure Unterweisung nicht.‘ Doch Yun-yan gab ihm zur Antwort: ‚Du hörst nicht einmal meine Unterweisung; wie könntest Du da die Lehrrede des Unbeseelten hören?‘ Bei diesen Worten erfuhr Dong-shan tiefe Erleuchtung. Er dankte Yun-yan mit folgendem Gedicht: Wunderbar, wie wunderbar! Die Lehrrede des Unbeseelten ist unausdenklich! / Willst du sie mit den Ohren hören, wirst du sie nicht verstehen. / Wenn du die Stimme mit den Augen hörst, dann weißt du Bescheid!

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)