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Wieder dies herbstliche Aufersteh'n

Wieder dies herbstliche Aufersteh’n

Großmächtiger Farben.

So kühl auch das Laub sich gibt

Hier seinen Todestagen,

Dir drängt andres entgegen,

Jenseits der hauch-

Zarten Haut seines Sterbens –

Weiten dehnen sich dort,

Ebenen anderer Reiche,

‚Verwandlung‘ heißt eines –

Sie, die dich fortträgt–

‚Gelassene Lust zu sein‘,

‚Kraft aus keinem Woher‘,

Noch so viel weitere sind’s –

Du trittst in sie ein,

Aufgenommen und ganz

Umfangen-erfüllt,

Kehrst du zurück

Ins Licht eines Herbstes, der

Abschied und Trauer nicht kennt,

Nur das Feuer der Farben –

„FEUER! FEUER!“ Pascals,

Feuer sich wölbender Räume:

Du weißt doch, so zeigt dir Sterben,

Das im Herbstlaub und deines,

Was es vermag.

 

Diesmal fast blendend vor Gelb der Wald

Noch Mitte November!

Was soll diese Lebenslust,

Die sich dir schenkt, woraus denn?

Ach, sie hat keinen Grund und

Ist zu nichts da –

Wie auch? – als dass sie ist. Doch

Lebenslust hat auch dies:

Wenn auch in gar nichts gegründet,

So ist sie sehr wohl dir

Zu etwas gut – ja, das schon – aber ungewollt:

Andren Gutes zu tun!

Was denn, was sonst sollte sein,

Wenn Freude dich füllt,

Raum nicht lässt, nicht für Neid,

Für Missgunst noch was

Sonst dich betrügt

Ums reine Gelingen, ums

Glück ohne schalen Geschmack –

Lebenslust, die nicht fragt, nicht

Sucht – nach Sinn, nach Wozu,

Einfach nur ist, wie das Rot rings

So sacht, dass es kaum das Glühen

Dunkler färbt, sich vermischt ins

Flammende Gelb.

 

(1999)

Nach Pascals Tod am 19.8.1662 fand man, in eines seiner Kleidungsstücke eingenäht, einen ‚MEMORIAL’ überschriebenen Zettel, aus dessen in Pascals Handschrift abgefassten Eintragungen folgendes zitiert sei:

 

Jahr der Gnade 1654 / Montag, 23. November, Tag des heiligen Clemenz ... / Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht: / »FEUER« / „Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs“, / nicht der Philosophen und Gelehrten. / Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Friede. / … / „Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht, aber ich kenne dich.“ / Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude.

 

Insbesondere die letzte Zeile entspricht haargenau der ekstatischen Erfahrung, wie sie aus dem ‚Großen Tod‘ heraus – Stichwort Sterben – während der mittleren Etappe des Zen-Weges sich einstellt. Diese „Freude“  ist ein wesentliches Merkmal der Auferstehung, in die das vorherige Eintauchen in Shûnyatâ mündet.