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Weinen, weinen -und weinst

Weinen, weinen – und weinst,

Hingegeben ans Glück der Tränen,

Weich und sanft und so zärtlich

Warm wie einstmals die Mutterhand,

Die dir tröstend und leise

Über das Haar fuhr.

Weinen, weinen – und macht diesen alten Mann

Wieder zum Kind,

Aufgelöst in das schmerzliche Glück,

Ach, so ganz, so verloren zu sein.

 

Sieh dieses Wunder des Seins,

Dass es am Nichts sich verflüssigt.

Sieh dieses Wunder des Nichts,

Dass es dem Sein nicht erlaubt,

Fest und wie tot zu erstarren.

 

Niemals hab‘ ich geglaubt,

Dass auch Heidegger einmal, Martin,

Mir in meine Gedichte

Eintritt, wie in ein fremdes Haus:

Weltberühmt jenes Buch, dem

‚Dasein‘ gewidmet.

Welch ein Unsinn jedoch, uns bedrohe „Angst“

Tief aus dem Nichts,

Grausam, täglich und stündlich, und doch

Sei ‚Bewahrung im Ich‘ höchstes Ziel.

 

Nein, nicht mit Angst hält es uns

Unter der Knute, das Nichts. Nein,

Liebevoll nimmt es dich auf,

Schenkt dir, von dir dann befreit,

Leben, das nirgendwo endet.

 

(2000)

Die dritte Strophe spielt auf Heideggers bekanntestes Werk an, auf sein Buch Sein und Zeit, in dessen ‚Daseinsanalyse‘ das Phänomen der „Angst“ eine zentrale Rolle spielt und das von der Angst erzwungene ‚Vorlaufen in den Tod‘ einzig dem Zweck dient, zur ‚Eigentlichkeit‘ des ‚Daseins‘ vorzustoßen und sich in solch eigentlichem Dasein angesichts des Nichts in der Endlichkeit unseres ‚Ich bewahren‘ zu können.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)