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Sieh, wie der Herbst das Vergängliche lobt

Sieh, wie der Herbst das Vergängliche lobt,

Sieh diese Freude zum Sterben,

Kräftig zur Neugeburt,

Kräftig aus dunklem Grund:

Herbst ist das Zauberlied,

Das dich ins Andre ruft,

Land ohne Tage und Nächte,

Jenseits der Spiegelwand,

Die einst Orpheus durchschritt,

Die unter tastenden Händen

Sich verflüssigt, zerrinnt –

Jenseits und doch gegenwärtig,

Wo auch immer du bist,

Unerschöpflich an Güte, und die

Füllt das Gefäß deines Leibes

Randvoll mit Jubel und Zuversicht.

 

Sieh den Verfall, diese Straßen zum Tod,

Häuser, die Fenster so staubblind,

Jahre schon unbewohnt,

Hinter Ruinen wild

Wucherndes Grün, das sich

Sanft ins Verfärben schickt

Unter der Kühle des Herbstes.

Aber der Sonnenglanz –

Leuchten segnet die Stadt,

Füllt die verwilderten Gärten:

Nicht ist Frühling die Zeit,

Die dich zum Leben erweckt, der

Herbst, das Sterben beglückt

Dich mit jubelndem Aufstieg ins Licht,

Dass alle Wehmut und Trauer

Abwärts versinkt und du auferstehst.

 

(Langensalza, 2003)

In dem Film-Klassiker Orphée des Altmeisters Jean Cocteau kommt Orpheus, eindrucksvoll dargestellt von Jean Marais, auf der Suche nach seiner Eurydike vor eine Spiegelwand, die sich, als er sie mit unsicheren Händen abtastet, in Wellen verflüssigt und ihm, sich auflösend, den Weg ins Reich der Todesgöttin freigibt, eine unheimliche Parallel-Welt, die sich wieder und wieder in die Welt der Lebenden eindrängt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)