· 

Süchtig - die Erdenfülle

Süchtig – die Erdenfülle,

Du – den Berghang voll Abend,

Du – das Ufer im Licht,

Du – den Waldsaum, die Schattenbuchten,

Unten die Ebenen: Glut,

Du – und die Felseninseln

Draußen auf ölglatter See – du

Hast sie, wie dürstend, dir einverleibt,

Hast dein endliches Ich

Weltverschlingend geweitet,

Hast ihm, Nachfahr Novalis‘,

Rundung gegeben, allumfassend,

Schwere, Gewicht

Gegen sein Flüchtiges,

Gegen den Sog des Sterbens,

Willens, dass dir,

Wenn schon dem Tod verfallen,

Wenigstens einmal doch

Alle Fülle zu eigen war,

Fast ein sterblicher Gott so – einstmals.

 

Heute ist es dir darum längst schon,

Gott zu sein, auch noch stolzerfüllt,

Nirgend zu tun. Dein Glück –

Nichts mehr zu sein, das ist es!,

Nur noch dies Nichts,

Daraus die Silberpappeln,

Windschwer und glanzdurchflirrt,

Singen, nur so,

Daraus die Wasserfluren, Spiegeln

Gleich, die Tage mit Himmel

Füllen, Tage, die da sind,

Weil in ihnen das Nichts,

Das deines Leibes, die Augen auf-

Schlägt, keine Tiefe darunter,

Augen gleichwohl voll Leuchten,

Sei es im Tanzen des Lichts,

Sei’s ein kreisender Flug der Weihe,

Steiles Haufengewölk:

Freudezitternd und leer, bist

Du dieses Glückes Lidschlag.

 

(1997)

‚Gott will Götter‘, hat Novalis einmal notiert und vom individuellen Ich als einem ‚allfähigen Punkt‘ gesprochen, der sich durch ins Unendliche gesteigertes Wissen und eine entsprechende Macht das Weltganze anzueignen und auf diese Weise selbst ein Gott zu werden vermag. – Daneben klingt – mit der umfassenden Erdenfülle – auch Hölderlins ‚Einmal lebt‘ ich wie Götter, und mehr bedarf’s nicht‘ mit an.

 

Im Übrigen dürfte auf der Hand liegen, dass mit dem Nichts, von dem die zweite Strophe handelt, wieder einmal die Shûnyatâ gemeint, aus der – als dem Nichts deines Leibes – die Dinge der Welt hervorgehen. So zumindest das Erleben des ekstatischen Subjekts.