· 

Otto, Du herzlieber Freund

Otto, Du herzlieber Freund,

Kenner der Bücher, vom Leben

Nicht eben sanft verschont,

Weißt Du wohl auch, was es heißt,

Frei, wirklich frei zu sein?

Frei noch vom Streben nach Lob,

Geltung und Anerkennung –

Auch nach Ruhm und Gewinn

Drängt es mich nicht:

Unbedürftig, und zwar

Weil da keiner mehr ist,

Der doch sonst allemal

Dies noch braucht oder das,

Unbedürftig doch auch

Schlankweg aus Überfluss:

Wer hätte denn nicht genug,

Wenn er, wenn sie

All diesen Glanz aus Nichts,

Der noch an trübem Novembertag

Machtvoll der Welt unterliegt,

Als den ganz eigenen hat?

 

Besser verstündest Du mich,

Otto, vielleicht – hättest Du auch

Dieses Gesicht geseh’n,

Steinerne Göttergestalt,

Jüngst in Berlin zu Gast,

China der QI-Dynastie:

Einer der Helfer Buddhas

Zur Erlösung der Welt –

In sich gekehrt,

Allem Leiden entrückt,

Stolz aus innerem Licht,

Unerreichbar für Gier,

Niedertracht, allen Schmutz,

Selig lächelnd sein Mund.

Güte, die still verharrt,

Steht er gelassen und frei,

Retter der Welt,

Nicht weil er sich bemüht,

Vielmehr es ist unser Staunen, das

Uns über Kummer und Schmerz

Zu ihm erhebt und uns heilt.

 

(Für Otto Stender – 2001)

Bei dem Helfer Buddhas handelt es sich um die Skulptur eines stehenden Bodhisattva, von dessen Anblick sich der Verfasser anlässlich der Berliner Ausstellung Die Rückkehr des Buddha. Chinesische Skulpturen aus dem 6. Jahrhundert. Der Tempelfund von Qing-zhou, Herbst 2001, nicht hat losreißen können. Staunen, hingerissenes Staunen war die einzig mögliche Reaktion.