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Letzte Libelle im Herbst

Letzte Libelle im Herbst –

Flirrendes Licht auf den Flügeln –

Ruhelos schwebend und weiß nichts,

Gar nichts von baldigem Tod.

 

Großer Räuber, vorbei Deine Zeit,

Beute gibt’s keine mehr.

Sanft noch wärmt Dich der Tag,

Einer der letzten voll Herbstlicht,

Kraftlos schon bald –

Immer kühler die Nächte –

Wirst Du erlöschen,

Einwärts, heimwärts ins Nichts,

Buddha-Wesen, Du fragst nicht,

Nicht nach dem Sommer und auch nicht

Nach Deinem Tod.

Dir braucht kein Zhao-zhou

Hinweis zu geben, Belehrung:

‚Mach’s wie der Baum da im Hof!‘

Du bist dem Alten, dem großen,

Noch um Längen voraus,

Selber der Satz, der noch

Allen Sätzen voraus liegt.

Du, ganz wortlose Buddha-

Lehre, dass doch

Alle Fülle nur Nichts ist,

Dass aber auch das Nichts

Fülle ist, alle sogar.

 

Der ich schon jetzt

Deine Gelassenheit übe,

Täglich im ‚Großen Tod‘,

Lass’ mich dereinst sterben wie Du,

Klaglos zum Abschied bereit.

 

(2001)

Im Kôan 47 Cong-rong-lu (auch 37 Wu-men-guan) antwortet der chinesische Chan-Meister Zhao-zhou auf die Frage eines Mönches nach dem Sinn des Chan: ‚Vor dem Haus da die Zypresse!‘ – anders gesagt: „Mach’s wie der Baum da im Hof!“ Und ein späterer japanischer Zen-Meister soll zu dieser Antwort des Zhao-zhou angemerkt haben: „Diese ‚Zypresse da vor dem Haus’ hat die Wirkung eines Banditen; sie nimmt uns alles weg!“ – auch noch das Denken, das uns scheinbar über ein Insekt wie die Libelle haushoch erhebt. – Zu dem einen „Satz, der noch allen Sätzen voraus liegt“ sei auf die ‚Ankündigung‘ des Kôan 7 Bi-yan-lu verwiesen, in der von dem ‚einen Satz‘ die Rede ist, der ‚der Stimme voraus liegt‘. Das zielt auf die unmittelbare und zugleich unaussprechliche Erfahrung der Shûnyatâ, als desjenigen, was sogar noch der Welt voraus liegt. – Die „wortlose Buddha-Lehre“ spielt auf die Eigenheit der Cao-Dong-Schule an, die von einem Dharma redet, den auch noch die ‚unbeseelten Dinge‘ lehren.