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Herbstlicht kündet das Sterben

Herbstlicht kündet das Sterben,

Das kühle Sterben der Tage.

Zögerlich nur

Willigen sie

Ins Unaufhaltsame ein.

Die Wehmut blasseren Lichtes,

So sehr sie dich anrührt,

Dich verwundet sie nicht.

Dich macht sie schweben,

In stillen Jubel gewandet,

Heiter-gelöst dein Gang –

Dich, der mit leichterem Leib zugleich

Wandelt und steht,

Beidfüssig fest,

In einer anderen Welt,

Die von Wehmut und Sterben

Nichtmal die Worte kennt,

Dort, wo auch

Die Heere der Toten,

So qualvoll ihr Sterben war,

„Ungeboren geborgen“ sind –

Herbst in Hiroshima.

 

Herbstlicht, das auf den Zweigen

Der Kusu-Bäume sich ausruht,

Müde bereits,

Nah‘ seinem Tod,

Den ungeduldigeren,

Den immer rascheren Nächten –

Wie dunstblass der Schleier

Seines Sterbens die Welt

Aussehen macht, du

Erfährst aus anderen Weiten

Anderes Licht, das sich

Kräftiger, flutender, strahlender

Mischt in den Glanz

Sanften Verglüh’ns.

Keineswegs hast du entsagt.

Du, wie tief auch versunken –

Drüben und hier sind eins –

Schreitest aus,

Den leuchtenden Farben,

Den welkenden, zugewandt,

Freudig ruhend im Weltgenuss –

Herbst in Hiroshima.

 

(2000)

Eines der nach Einschätzung des ‚Verfassers‘ gelungensten Gedichte, die das ekstatische Erleben während der mittleren Etappe seines Zen-Weges sich ihm hat aufdrängen lassen – diesmal während eines heraufziehenden Abends im Heiwakinenkôen, dem ‚Friedenspark‘ in Hiroshima. Unnötig zu erwähnen, dass das „Ungeborene“, in dem alle sterblichen Wesen seit jeher und für immer „geborgen“ sind, auf die Lehre vom ‚Ungeborenen‘ eines Bankei Eitaku zurückgreift. – Als hoffentlich verzeihliche Schwäche des Gedichts sei eingestanden, dass in Japan, genauer auf der Insel Honshû in Höhe der Stadt Hiroshima, weil auf einem südlicheren Breitengrad gelegen, der Unterschied zwischen den Zeitpunkten des Sonnenuntergangs während des Jahreslaufs weitaus geringer ausfällt als im europäischen Norden. Doch die seit der Kindheit eingespielte Gestimmtheit eines Nordeuropäers angesichts eines nahenden Herbstes hat den Verfasser die geringen Schwankungen der Tageslänge intensiver erleben lassen, als sie objektiv gesehen Anlass gegeben hätten.

 

Dietrich Roloff

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Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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ISBN-13: 978-3749461790

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