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Erst im Verzicht liegt Gewinnen

 Erst im Verzicht liegt Gewinnen:

Alles Streben, so hast du

Schon in den Tagen der Jugend,

Unerfahrenen noch, beim klugen

Platon gelesen, gelernt –

Alles Streben nach mehr, zu

Immer weiteren Ufern

(Wie die Beschönigung heißt),

Macht dich zum Knecht des Begehrens,

Knecht auch der fremden Gier,

Die sich zu deinen Kosten

Nichts als bereichern will.

Du, wie gehetzt,

Lebenslang,

Unter der Peitsche der all-

Seits geheiligten Sucht –

Ist das denn Glück,

Niemals zur Ruhe zu kommen,

Niemals zufrieden,

Endlich zufrieden zu sein?

Aber, lautet der Einwand,

Ödeste Langeweile

Sei doch weit

Schmerzlicher noch als das.

 

Das ist die Lust eines Weisen:

Wind, das Licht auf den Bäumen,

Stimmen der Vögel, des Regens

Nimmt er ganz in sich auf, und keine

Stelle an ihm, die sich dem

Widersetzt, wie aus Stolz, doch

Ach so wichtig zu sein. Nein,

Wenig und ohne Gewicht,

Reicht es dem Weisen zum Glück, füllt

Reichlich die Stille aus,

Die ihn bewohnt, beherbergt –

Leere, die ohnehin

Kaum etwas braucht,

Voll zu sein,

Immer schon Fülle aus Nichts.

Und so lebt er dahin,

Heiter und als

Gäb’ es ihn nicht: Unerreichbar

Jedwedem Anspruch

Seitens der Welt, dem nach Tat-

Kraft und Großes zu leisten,

Kennt auch für sich kein Streben,

Groß zu tun,

Noch dass die Welt ihn rühmt.

 

(2002)