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Der du wohl Denkmäler nicht brauchst

Der du wohl Denkmäler nicht brauchst,

Weitere, Hölderlin,

Lebt Dir Name und Werk doch,

Wie erratisch auch immer,

Ohnehin fort,

‚Länger dauernd als Erz‘, wie

Einst der stolze Horaz, selbstgewiss,

Stolzer freilich noch dies gesagt:

‚Sublimi feriam sidera vertice‘

Warum haben nicht längst mir,

Dich zu rühmen, sich Worte geformt?

Hättest Du, dessen Sprachmacht,

Mir so ganz unverhofft,

Nachklingt hier in der Stimme des Zen-Gedichts,

Nicht ein Anrecht darauf, mehr noch als

Jener Meister im Schloss Duino,

Dir ein Schüler im Wort auch er?

 

Einst, ja, da war keiner so nah

Mir wie Du. Mitgefühlt

Hab‘ ich Dir das Entsetzen,

Ausgestoßen zu sein aus

Göttlicher Hut:

Tödlich fast diese „Freiheit,

Aufzubrechen, wohin“  Schmerz dich treibt,

Deiner, der Deiner Götternacht.

Dass Du gleichwohl geglaubt an ihre Wiederkehr –

Mir war derlei versagt. Doch

Seit Versenkung in Buddha-Natur

Noch das letzte Gestirn mir

Tief aus dem Leerheitsleib

Aufglüh’n lässt, bist Du ferne gerückt und fremd:

Nur ein endliches Ich, angstbedroht,

Trifft solch Wort ohne Trost wie Deins: „Doch

Nimmer kannst du ihm gleichen“ – Gott.

 

(1995)

In seinem Gedicht Lebenslauf, 2. Fassung von 1800/1801, bekennt Hölderlin: ‚Denn nie,... / habt ihr Himmlischen, ... / dass ich wüsste, mit Vorsicht, / mich des ebenen Pfades geführt. // Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / dass er, kräftig genährt, danken für alles lern‘, / und verstehe die Freiheit, / aufzubrechen, wohin er will.‘  Und in der Friedensfeier, letzte Fassung, finden sich die Sätze: ‚Des Göttlichen aber empfingen wir / doch viel. Es ward die Flamm‘ uns / in die Hände gegeben, und Ufer und Meersflut. / Viel mehr, denn menschlicher Weise / sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet. / Und es lehret Gestirn dich, das / vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen.‘

 

Und noch etwas: Das lateinische Horaz-Zitat bedeutet: ‚Mit [meinem] aufgereckten Scheitel werde ich [sogar] die Sterne berühren!“ – Und leicht zu entziffern: Der Meister im Schloss Duino ist kein andere als der Rilke der Duineser Elegien.