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Zerschmelzen musst du

Zerschmelzen musst du,

Zerschmelzen unterm Vogelruf.

Das Licht vom Meer, das Himmelsblau

Geh’n durch dich hin, wenn du zerschmilzt,

Wie Wind aus Glück, aus Lebenslust,

Aus Freude, dass sie ist, die Welt,

Und du ein Teil darin.

„Dies allzu feste Fleisch,

Oh, schmölz’ es doch!“, hat schon

Ein andrer, Größerer gesagt,

Dem Dänenprinzen in den Mund gelegt,

Doch dem aus Lebensüberdruss,

Aus Abscheu vor der Welt,

Vor ihrer Schlechtigkeit.

 

Zerschmelzen: nicht der Leib, dein Ich,

Gebilde aus Granit.

Die Glut der Tiefe drängt herauf,

Du musst den Fels zersprengen.

Sie will: du brichst dich auf,

Den ‚Kenotaph‘, das leere Grab-

Gehäuse deines Lebens,

Du sollst die Fülle sein,

Die sie dir schenkt,

Das Strömen, das dich trägt,

Das lebenssatte Ungestüm,

Das nicht versiegt,

Solang’ es Weite gibt,

Im Wind, im Sonnenlicht,

Im Schweigen hoher Sternennacht.

 

Du mühst dich und verzagst?

Wenn plötzlich unterm Vogelruf

Gestein zerfließt, zu Tränen,

Geht neu und stolz dein Leben an,

Voll Zukunft, Licht-erfüllt.

 

(Skovby, Dänemark – Sesshin 2003)

Unnötig, eigens zu erwähnen, dass mit dem anderern, dem Größeren. Shakespeare gemeint ist.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)