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Kollwitzplatz

 Kollwitzplatz,

Prenzlauer Berg,

Nachwende Vierzehn –

Straßencafé im spät-

Nachmittäglichen Sonnenlicht:

Lärmenden Kindern,

Großstadt-Geräuschen zum Trotz,

Ulmen-umstanden, ein Ort,

Wie für den Frieden der Seele eigens

Hergerichtet, bereit.

Da indes

Fällt dein Blick auf die Alte:

Da, da drüben, das sitzt sie,

Aufrecht, vom Gram gebeugt,

Sehenden Auges zu Tode erstarrt

Unter dem Leid, das Menschen endlos

Übereinander verhängen.

Du auch hast, wider bessern Willen,

Durchaus Schuld

Dir auf die Schultern geladen.

 

Ungesühnt

Eigene Schuld,

Immerhin, dass dich

Gleichfalls Verlust betraf,

Keineswegs, wie zum Ausgleich fast,

Weniger schmerzlich –

Aber, Regina, da ist

Doch noch ein anderer Ort,

Der weder Schuld, auch nicht Sühne kennt, auch

Schmerz nicht, keinen Verlust.

‚Nicht-Zwei‘, das

Könnte, hätte er einen,

Wohl ein tauglicher Name

Solchen Befundes sein:

Keine Entzweiung, für Groll ist kein Raum,

Auch kein Gedenken – wie auch: Ist doch

Noch das Getrennteste eines,

Unverbrüchlich und wortlos eins nur,

Dort im Grund,

Jenseits der Zeit und voll Frieden.

 

Glienecke: wieder der Park,

Große Natur, wie

Scheinbarer Wildwuchs,

Letzte Kastanienblüte,

Buchen in dunklem Rot,

Eichen voll Wind und Grasland

Weit hinüber zum Waldsaum.

Und wieder ist da die Freude,

Die alles, Regina,

Alles Vergangene aufweckt,

Auch den Schmerz, den sie längst,

Längst schon verwandelt hat.

Wie rauscht doch das Licht in den Bäumen,

Wie reißt es die Freude mit:

Kein Ort, keine Zeit setzt ihr Grenzen,

Schwungvoll, Segel-geschwellt,

Trägt sie dich überall hin,

Noch in die ‚Buddha-Länder‘,

In die entferntesten noch,

Und noch darüber hinaus.

 

(Für R. K. – 2003)