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Ach, wie doch dies

 Ach, wie doch dies

Teil deines Glückes ist,

Dass du jeden Tag sterben kannst,

Ohne dass dich

Solcher Vorgriff irgend verstört.

Du hast das Deine gelebt,

Hast auch loszulassen gelernt,

Bist dir auf deinen Grund

Einwärts, leerwärts gesunken,

Lange jetzt dort schon zuhaus,

Wissend, dass du, wo immer

Welten aufblüh‘n, vergeh‘n,

Du das bist, was da blüht.

 

Keineswegs ist das Flucht,

Wenn du loslässt und gehst,

Allem den Abschied gibst, dich

Willig dem Sturz überlässt.

Ob es morgen dich trifft, ob

 Heute – du hast gleichwohl

Dein Genügen jeden Tag neu,

Den du, als wär’s ein Geschenk,

Wie den freudig-letzten begehst,

Staunend getreu

Altem Vorbild an Lebenskunst –

Stoischer Forderung:

„Eis heautón“.

 

(2003)

Marcus Aurelius, der stoischen Lehre verpflichteter Philosoph auf dem römischen Kaiserthron, hat sich selbst immer wieder ermahnt, ‚jeden Tag als den letzten zu leben‘, freilich eher in Absicht auf strenge, höchsten moralischen Maßstäben genügende Pflichterfüllung. Wir wissen das aus seinen philosophischen Reflexionen, die, von kaiserlicher Hand niedergeschrieben, unter dem Titel ‚Eis heautón‘  (‚An sich selbst‘), der Nachwelt erhalten sind. – Nebenbei bemerkt: Das ‚ei’ in dem Wort ‚Eis‘ spricht sich wie derselbe Diphthong in dem italienischen ‚lei’.