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Singen

Singen –

Singen, das ist es: sonst nichts.

 

Ich singe den Aufflug des Jubels,

Singe den Glanz durch die Mauern der Dinge,

Singe den Tränensturz,

Singe die Wangen der Freude hinab,

Singe den Leib meines Lebens.

 

Aus meinem Singen hebt sich

Der Herzschlag der Welt.

 

Ich singe die Worte der Schöpfung.

Mein Singen ist Flut, ist das Steigen der Dinge –

Sie steigen aus nichts,

Mein Singen ist Sinken – sie fallen zurück,

Ins Sterben, das alles nimmt.

Mein Singen ist Tanzen, ist Shivas, ist Buddhas Tanz.

 

Ich singe die Worte der Schöpfung,

Ich singe das Schweigen,

Ich singe die Glut.

 

Singen – sonst ist nichts.

 

(1993)

In diesem überschwänglichen Gedicht spiegeln sich erste Erfahrungen von Shûnyatâ – und die sind eben überschwänglich, ekstatisch.

 

Shiva, der tanzende Gott des hinduistischen Mythos, verkörpert die Schöpfungskraft des Feuers und zugleich die Kraft einer Vernichtung, der sich nichts entziehen kann; Shivas Tanz symbolisiert somit das ewige Entstehen und Erlöschen der Dinge, aber ebenso auch das Entstehen und Erlöschen immer neuer Welten, die einander in unendlicher Folge ablösen. – Im Kôan 1 des Cong-rong-lu/Shôyôroku wird diese Verantwortlichkeit für das weltumspannende Entstehen und Vergehen auf den transzendenten Buddha übertragen.