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„Sein und Nicht-Sein ist eins.“ Du

„Sein und Nicht-Sein ist eins.“ Du

Hast das Beispiel des Herbstes:

Farben wie glühendes Leben,

Blätterfall in den Tod.

Noch im Sturz, noch am Boden

Lodert das Glühen auf.

Nicht bedarf es des Frühlings

Zum Beweis, dass das Nicht-Sein

Umschlägt ins Lodern des Seins.

Schon der Herbst lässt das Sterben

Zeugnis des Lebens sein.

Da, dieser ‚Unsinn‘, der alte:

„Form ist Leere und Leere Form“

Wie Du siehst, es ist durchaus

Etwas daran.

 

„Doch Du selbst, was bedeutet

Dir, dass Sein zugleich Nicht-Sein

Ist, zwar auch andersherum?“ – Ach,

Angst, Verstörung und nachts

Aufgeschreckt – von alldem kann

Gar keine Rede sein.

Täglich, mitten im Sein, übst

Du gelassen das Nicht-Sein,

Nistest Dich ein – wie dem Schoß

Eh‘mals Göttlicher Mutter,

Weite gewinnst Du, auch

Dass Dich kein Schrecken mehr trifft, dass

Du, vom Leben, vom Tod befreit,

Dich ergehst noch in Räumen,

Einst erst bewohnt.

 

„Was nur kann daran liegen,

So vom Leben, vom Hiersein

Abstand, ja Abschied zu nehmen?“ –

Missversteh‘ mich doch nicht:

Lebensmüde, wieso denn? –

Lacht umso mehr Genuss

Dir, als Süchte und Ängste,

Daumenschrauben des Daseins,

Dir nichts mehr sind. Kein 'Du musst'

Ehrgeiz halber, um Geltung,

Immer-Noch-Mehr, noch stockt

Schreckensgelähmt dir der Atem

Um Versagen, Verlust. Du lebst

Freudigst hierwärts. So reift Dir

Nicht-Sein ins Sein.

 

(1999)

Einem ‚aufgeklärten‘ Zeitgenossen, der fest auf dem Boden der – materiellen – Realität steht, muss eine Aussage wie die des Sûtra vom Herzen der Einsicht, dass „Form Leere und Leere Form“ sei, schlechterdings als ‚Unsinn‘ erscheinen. – Der Eingangs-Satz: „Sein und Nicht-Sein ist eins“, ist nur eine andere Formulierung für den vom Sûtra ausgesprochenen Sachverhalt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)