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Mitten im Heillosen

 Mitten im Heillosen

Das vollkommene Leben.

Nichts kann den Satz Hölderlins widerlegen:

„Denn alles ist gut!“

Kein Sternentod, nichts,

Auch nicht, unaufhaltbar wie jener, der Suizid einer Gattung,

Bedenkenlos reißt sie zahllos andere mit,

Schickt sie voraus –

Dass sie, gegen den delphischen Götterspruch,

Sich zur Krone der Schöpfung gemacht,

Macht ihren Untergang.

Und mitten darin,

 Wie wider Willen,

Dies mein vollkommenes Leben,

 Hier, in diesen Tagen des Herbstes.

 

Herbsttage Ihr, Ihr Feier der Physis!

Sie feiert, seit je her, sich selbst,

Heftiger noch –

In der Heftigkeit baldigen Endens?

Wer weiß es, wie lange? Wie oft noch?

Wüstenei eines Neutronensterns,

Verwüstet der Blaue Planet,

Schöner einst als die großen ‚Gärten des Königs der Könige‘,

‚Paradeisos‘, tot,

Aus Fahrlässigkeit, schmerzende Wüste –

Und doch, was ist daran Schreckliches denn?

Alles, auch das, schmelze ich ein, glättet sich mir

Zur „Wüste und Einöde Gottes“.

Wie auf den Bildern van Goghs

Treibt heute wie morgen das Nichts glühende Farben heraus!

 

(1992)

Der Tempel des griechischen Gottes Apollon in Delphi trug die Inschrift ‚Erkenne dich selbst‘. Dieser delphische Götterspruch ist keine Aufforderung zu individueller Introspektion, sondern verlangt von uns als Gattungswesen, dass wir unsere Sterblichkeit akzeptieren, die Begrenztheit unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten anerkennen und uns vor Hybris hüten, also davor, die uns gesetzten Grenzen – bei Strafe des Untergangs – zu überschreiten.

 

Wenn ein Stern von mehr als hundertfacher Sonnen-Masse kollabiert, sprengt er in einer Supernova-Explosion seine äußeren Schichten ab und stürzt mit seinem Kernbereich zu einer Materie-Kugel von etwa 20 km Durchmesser zusammen, die aus nichts als dichtest gepackten Neutronen besteht. Infolge der ungeheuren Schwerkraft, die in seinem Inneren wirkt, gibt es auf seiner Oberfläche nicht die geringsten Erhebungen: Ein solcher Neutronenstern ließe sich allenfalls mit einer perfekt polierten Stahlkugel vergleichen.

 

‚Paradeisos‘ ist ein altgriechisches Wort, das auf der zweiten Silbe betont wird und ‚Garten‘ bedeutet; von ihm leitet sich unser Wort ‚Paradies‘ her. Die Gärten der persischen Achaimeniden, die sich auch ‚Großkönige‘ oder ‚König der Könige‘ nannten, stellen das Vorbild aller späteren Paradieses-Vorstellungen dar.

 

In der vom Neuplatonismus beeinflussten Metaphysik Meister Eckharts weist das Wesen Gottes unterschiedliche Abstufungen auf: In seiner tiefsten Tiefe, noch vor und unterhalb einer Aufspaltung in Vater und Sohn und Heiligen Geist, ist Gott nicht Gott, sondern nur ‚leeres Nichts‘ (Eckhart spricht von der „Wüste und Einöde Gottes“). Gott wird er erst dort, wo bzw. erst dann, wenn er das ‚Wort‘ (den Logos des Johannes-Evangeliums) als seinen ‚Sohn in sich gebiert‘ und somit zum ‚Vater‘ wird – zum Schöpfer, insofern der Sohn der Inbegriff der Schöpfung ist: Die materielle, geschaffene Welt ist nur die Entäußerung dieses dem Vater ‚eingeborenen‘ Sohnes. Mit Gott als dem ‚leeren Nichts‘ ist auch der Mensch in seinem tiefsten Wesen identisch: Jeder einzelne ist diese „Wüste und Einöde Gottes“, aus der spontan (Eckhart wörtlich: ‚weil ich es so wollte und will‘) mit dem Sohn zugleich der Vater und umgekehrt mit dem Vater zugleich der Sohn und also Gott als Gott hervorgeht: Die Schöpfung der konkreten Welt geschieht durch das gesprochene Wort, aber die Erschaffung Gottes geht diesem gesprochenen Wort noch voraus, entspringt dem ‚wortlosen‘ Urgrund deines und meines Wesens.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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ISBN-13: 978-3749461790

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