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„Weiten aus Licht geh’n durch dich hin“

„Weiten aus Licht geh’n durch dich hin“

Nein, es ist andersherum:

Licht geht aus dir,

Geht weit durch die Welten,

Durch die zukünftigen auch:

Alles Strahlen der Winter –

Gibt es denn die um Sonnen

Nicht, um andere, auch? –

Aller Jubel der Farben,

Hier und überall sonst, wo

Frühlinge prangen,

Herbstliche Sternentode

Glüh’n in der Schwärze des Raums –

Deiner ist es, aus dir,

Aus deinem ‚Wahrheitsleib‘, nicht zu erschöpfen.

 

Goldener nicht, einfach nur Glanz,

Der auch die Buddhas der Zeit

Leuchtender macht,

Dass Rilke sie „Sternen“

Gleichsetzt, von „andern“ umstrahlt,

„Sternen, die wir nicht seh’n.“ Doch

Wer, so wie du, ihr Leuchten

Als das seine erfährt –

Unverstellt ist dein Blick, weil

Du von innen sie schaust: Den

Buddhas der Zeit, du

Weißt es, dass ihr Erbarmen,

Dies ihr Geschenk an die Welt,

Nur der Lichtflut entsteigt,

Der aus dem ‚Wahrheitsleib‘, nirgend als deinem. 

 

(1996)

 Auch dieses Gedicht setzt wieder einmal voraus, dass das lyrische Ich sich als mit der Shûnyatâ identisch erfährt.

 

‚Wahrheitsleib‘ ist die Übersetzung des Sanskrit-Begriffs Dharmakâya, der den sozusagen kosmischen Leib Buddhas bezeichnet, aus dem alles hervorgeht und in den hinein alles verschwindet. Mit ‚Wahrheitsleib‘ ist hier also die allumfassende Leere am Grund der Welt, eben die Shûnyatâ, gemeint.

 

Bei Rilke finden sich in den Neuen Gedichten aus dem Jahre 1907 zu Buddha die Zeilen: ‚Und er ist Stern. Und andre große Sterne, / die wir nicht sehen, stehen um ihn her.‘