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Reichtum ist keiner

Reichtum ist keiner

Größer an Fülle als der,

Den du auf deinen so ganz

Leeren, windstillen Händen trägst:

Reichtum, und nichts ist,

Das dir gehört.

Aber du bist es,

Bist die Stimme des Frühlings,

Die aus den Knospen singt,

Kaum erst geöffneten Mundes,

Längst zum Lächeln bereit,

Bist das Wandern der Sterne

Über den Himmel der Nacht,

Groß vor Schweigen und Glut –

Schönheit zu keinem Zweck,

Braucht sie niemanden, nichts.

 

Magst du auch manchmal

Dasteh’n, und anders entleert:

Bettelnd die Hände gestreckt,

Wie ins „Elend“ verstoßen, ein

Barlach’scher „Vetter“

Ganz „hoher Herrn“,

„Ausgetan“, achtlos –

Doch schreckt dich kein Verzagen:

Was dich vom WEG gebracht,

Dich gar ins „Elend“ verbannt, du

Streifst es ab, wie auch sonst,

Dies dein Ich, das dich austreibt,

Dich aus dem Strömenden drängt,

Und ins Leben zurück

Hilfst du dir kurzer Hand,

Zeigst dem Ich: ‚Stirb doch du!‘

 

(2001)

Dieses Gedicht beschwört die Erfahrung von Shûnyatâ als einen Reichtum, der alle Schönheit des Weltalls umfasst, und wendet den Ausspruch eines Chang-qing – ‚Mitten im Feuer bin ich Eis gewesen!‘ – dahin, dass das Sich-Ergießen der Shûnyatâ in die Welt als ein Strom, als der Strom wahren Lebens erscheinen muss – eines Lebens, an dem (nur) derjenige teilhat, der (und insofern er) in die Shûnyatâ eingegangen ist.

 

Die 2. Strophe des Gedichts spielt auf Ernst Barlachs Drama Der arme Vetter an, dessen Held Hans Iver, seiner göttlichen Abkunft gewiss (‚... Papa ist einer von den Allerersten, bescheiden gesagt‘) es als unerträglich empfindet, ins Elend der Niedrigkeiten menschlichen Daseins verstoßen (‚… hier ins Loch gebracht …, so verleugnet von den eigenen vornehmen Verwandten, so zu Leuten ausgetan; wie unsereins‘) und von der Herrlichkeit seines göttlichen Vaters hier auf Erden ausgeschlossen zu sein: ‚... Haben Sie nicht manchmal Momente, wo Sie verarmter Vetter den hohen Herrn in seinem Glanz vorüberfahren sehen? Das heißt: Sie spüren’s in sich, als käme Ihnen etwas nahe, von dem ein Verwandtes zu sein Ihnen wissbar wird. Und das Herz stockt Ihnen, Sie schnappen nach Luft und Sie brüllen wie ein Vieh auf in Ihrem Elend. Sie – Herr Zwieback – – brüllen Sie nicht auch manchmal über Ihr Elend?‘ – Allerdings kann im Zusammenhang eines ‚atheistischen‘ Zen-Gedichts nicht von einem hohen Herrn im Singular gesprochen werden; hier bedeutet das Ausgestoßen-Sein vielmehr das Bewusstsein eines plötzlich offenbar werdenden Abstands zu den Tathâgatas, und derer gibt es bekanntlich unzählbar viele, Zhao-zhou zum Beispiel, Yun-men, Nan-quan und wie sie alle heißen, die großen Meister des Chan.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)