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„Nicht-Sein ist nicht“

 „Nicht-Sein ist nicht“

Anders, als es Parmenides

Sich gedacht, dass vom Nicht-Sein uns

Nichtmal zu reden erlaubt –

Uns gilt es gar

Als der Grund aller Dinge,

Auch unsre ‚Buddha-Natur‘,

So genannt, dieser ‚wahre Leib‘,

Darin wir ohne Selbst zwar,

Unverwundbar indes und allem

Sterben enthoben sind.

 

„Nicht-Sein ist nicht“

Deins auch, wenn du im ‚Großen Tod‘,

Gar im leiblichen ausgelöscht,

Lässt nichtmal Nicht-Geist zurück:

Nichts bleibt dir noch,

Kein Gefühl, auch kein Jubel –

Jubel fühlt nur das, was ist:

Du im Leib deines Hierseins, Leib

Täglicher Auferstehung,

Du auch, ohne von dir zu wissen,

All in der Welten Leib.

 

(1996)

Der griechische Philosoph Parmenides glaubte, mit seinem Satz ‚Nicht-Sein ist nicht‘ ein für alle Mal klargestellt zu haben, dass es ein Nicht-Sein nicht gibt und folglich auch sowohl über ein Nicht-Sein pur wie über alle Vorgänge, die ein Nicht-(mehr-)Sein bzw. (noch-)Nicht-Sein einschließen, keine realitätshaltigen Aussagen möglich sind. Im Übrigen habe ich in der ersten Strophe buddhistisches und daoistisches Gedankengut vermengt, wie das ja im Chan/Zen immer schon geschehen ist: Im Buddhismus heißt das Nicht-Sein ‚Leere‘ (Shûnyatâ). Diese Leere ist die ‚Buddha-Natur‘ aller Dinge, das 'wahre Wesen' eines jeden einzelnen von uns wie auch eines jeden Dinges in der Welt der Phänomene – als Dharmakâya stellt sie zugleich unseren ‚wahren Leib‘ dar, diejenige Existenzform, in der wir als Nicht-Ich, Nicht-Selbst oder Nicht-Geist allem Wandel, allem Werden und Vergehen entrückt sind. Im Daoismus heißt das Nicht-Sein wu (als Gegenbegriff zum you, dem Sein). So findet sich bei Lao-zi die Formulierung: ‚Die Zehntausend Dinge entstammen dem Sein, das Sein entstammt dem Nicht-Sein‘  (Dao-De-Jing Text 41), womit das Nicht-Sein oder Nichts zum Ursprung aller Dinge erklärt wird. Darüber hinaus spricht Lao-zi davon, dass wir im Zustand des ‚Nicht-Selbst‘ – gemeint ist der Zustand des Nichts – von ‚keinem Nashorn, keinem Tiger, keinem noch so scharfen Schwert‘ verwundet werden können, und dass wir uns mit diesem unversehrbaren Leib am ‚Ort des Nicht-Sterbens‘ befinden. 

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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ISBN-13: 978-3749461790

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