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Licht wie ein Schwert

 Licht wie ein Schwert,

Das dich vom Tod

Jählings ins Leben befördert,

Das, als wär’s in der Hand eines Gottes,

Mauern, noch der Zyklopen,

Dämme aus Fels zerschlägt.

Fluten des Lebens

Stürzen hervor und steigen,

Tragen hinauf in Gefilde,

Die man wohl einst

Die der Seligen nannte,

Weite, die nichts

Duldet, was dich

Einengt, beschwert:

Kümmernisse, Verzagen,

Ungenügen am Eignen und Neid,

Angst, etwa Ziele – wozu denn

Sollten die sein? – zu verfehlen –

Weite, gespannt aus Licht,

Schwebend treibst du dahin,

Wie mit Segeln, vom Wind

Steil in den Himmel gewölbt,

Den so ganz wolkenlosen.

 

Glück, das dir erst

Zufällt, wenn du

Abschied zu nehmen gelernt hast:

Schmerzlos Abschied von dir, deinen Sonnen

Über Tagen und Nächten,

Die deinen Wegen sonst

Glanz wohl gewähren –

Ach, deinen Wichtigkeiten,

Die zu verlieren dir grausam

Tödlich erscheint.

Abschied also, den ganzen,

Erst wenn du den,

Schmerzlos und leicht,

Gründlich erlernt,

Kann das Schwert dich verwunden,

Bis ins Mark, das aus Licht, und es geht,

Jenseits der Mauern des Sterbens,

Strömendes, weltweites Leben,

Freudegestilltes, an.

Singen spürst du in dir,

Singen, das dich nicht braucht,

Nicht deinen Leib, deinen Mund –

Jubelnd bist du ihm Stimme.

 

(2003)

In Chan und Zen gibt es – sozusagen seit jeher – die Redewendung von einem Schwert, das tötet und zugleich Leben schenkt. Das ist das Schwert des ‚Großen Todes‘, also des spirituellen Sterbens, das zunächst Vernichtung über uns bringt, das Eins-Werden mit dem Nichts der Shûnyatâ, dann aber mit einem ins Weite strömenden Leben beschenkt.