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Warum löst dir der Herbst

 Warum löst dir der Herbst

Mehr als Frühling die Stimme

Wie aus Verstummen ins Wort?

 

Frühling – das ist doch nur

Aufbruch zu Lebensfülle,

Lust zu sein und Vergessen,

Dass da noch anderes ist,

Abgrund unter den Füßen,

Schwärze, so bodenlos –

Ist Erwartung der Freude,

Selbst schon taghelles Glück,

Singen durchaus, doch eines,

Das sich ans Glück verliert:

Was aber, wenn

Schatten aufzieh’n, wenn nächtlicher Frost

Voreilig-sorgloses Blühen,

Weiß wie Magnolien-Stolz,

Jäh ins Schwärzliche umkehrt?

 

Herbst hingegen – das Laub

Glüht aus dem Sterben auf, aus

Abschied, Trauer, Verzicht, so

Abgrund-vertraut, so voll Licht.

Noch am Boden der Teppich

Farbschwerer Daseinsglut

Rühmt das Sterben, den Absturz,

Den er leuchtend umschmückt,

Rühmt dir das Bodenlose,

Daraus du auferstehst,

Ruft dich zurück –

Eingeständnis, dass erst aus Verzicht,

Erst aus dem Abgrund, dem Andern,

Erst dessen eingedenk

Du dein Hiersein vollendest.

 

So ist flammender Herbst

Dir stets neue Erweckung,

Dir, deinem Jubel und Glück.

 

(2003)