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Unten die Abgrundschwärze

 Unten die Abgrundschwärze,

Oben die Gipfel im Licht –

Leben sei Untergang,

Hast du gedacht,

 Abstieg ins Bodenlose,

Das dich schließlich verschlingt:

Stetig abwärts dein Weg,

Unaufhaltsam, und gegen die Dämmerung

Wie eine Fackel dein Leib,

Lodernd vom Schmerz des Verzichts.

Hier ein Halt oder dort,

Heimisch zu sein, das schien

Nur eine Rast, nicht von Dauer,

Schon überschattet von neuem

Aufbruch hinab –

Wie gegenwärtig das alles,

Mehr als Erinnerung

Fast: Opus Einhundertsechs,

Die Große

Hammerklavier-Sonate.

 

Wieder gehört, erst gestern,

Und ist doch

All dieser Schmerz nicht mehr wahr,

Flüchtige Traumgestalt.

Abgründe, sicher, sie lauern

All überall,

Unter den Spiegeln des Wassers,

Abends im sinkenden Licht – dir

Keine Bedrohung mehr:

Sind dein eigener Leib,

Der ohne Herzschlag und weit-

Wandiges Buddha-Gefäß,

Das, so viele es seien, sie all’ umfasst –

Leerer Leib ohne Grund,

Daraus Leben erblüht,

Freude zu sein, die Schrecken

Keine mehr kennt:

Du noch im Abendlicht,

Noch über Gräbern zuhaus,

Eigenem Tod entronnen.

 

(2003)

Auch dieses Gedicht stellt die konträren Befindlichkeiten des lyrischen Ich in der ersten und zweiten Etappe des Zen-Weges einander gegenüber: hier eine alles umhüllende Schwermut, aus der es keinen Ausweg gab, und dort die aus der Erfahrung von Shûnyatâ, dem ‚leeren Leib ohne Grund‘, entsprungene Befreiung zu einem Leben der Freude – einer Freude, die keine Schecken mehr kennt.   

 

Aus diesem Anlass wird hier noch einmal die Werknummer einer der späten Klaviersonaten Beethovens zitiert, diejenige der Großen Hammerklavier-Sonate, die von der – schon andernorts erwähnten – Pianistin Elly Ney vorgetragen zu hören dem jugendlichen Ich nichts als Bestätigung seiner Schwermut war.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)