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Tiefer noch als zum Tränen-Strom

Tiefer noch als zum Tränen-Strom,

Unters Flussbett hinab,

Steigst du abwärts ins Dunkel.

Auch die Freuden-Gefilde,

Einst Elysische Fluren genannt, du lässt sie,

Abwärts schreitend, noch hinter dir:

Nicht, wie Platon beschreibt,

Geht es aufwärts zum Freuden-Land,

Abwärts aber zur Hölle –

Unterhalb noch vom Abschieds-Schmerz,

Dort erst liegt das Elysium.

Doch auch das hält dich nicht. Du musst

Immer weiter, noch weiter hinab.

 

Sprachlos, Wort-leer das Niemandsland,

Das du nunmehr betrittst.

Kahl die Hänge der Berge,

Dort, wo Rilke zufolge

Noch ein ‚letztes Gehöft von Gefühl‘ sich festhält,

Kümmerlich und wie unbewohnt –

Unbeirrt bleibt dein Schritt,

Tiefer, tiefer hangabwärts: Noch

Einmal leuchten die Gipfel

Vor dem Schweigen der Nacht. Sie löscht

Wie den Schmerz und die Freude dein

Wissen, dass du doch bist: Oh, nun

‚Angekommener‘, bist du am Ziel.

 

(2000)

Auch wenn die entsprechenden Termini gar nicht vorkommen, so ist doch offensichtlich, dass es bei dieser ‚Todes-Meditation‘ um den ‚Großen Tod‘ geht, um den Eintritt in die Shûnyatâ als das Nichts schlechthin. Dort angekommen zu sein, macht den Tathâgata aus, den im ‚So-Sein‘ der Dinge, d.h. in der Leerheit ‚Angekommenen.

 

Und wieder einmal Platon – diesmal mit seinem großartigen Jenseits-Mythos aus dem letzten Buch der Politeia: Hinter dem Totenrichter, vor dem die Seelen der Verstorbenen erscheinen müssen, öffnen sich zwei röhrenartige Ausgänge; einer führt nach oben, zu den Elysischen Fluren, wo die Guten zur Belohnung für ein tugendhaftes Leben mit einem seligen Dasein beschenkt werden, und ein zweiter abwärts in die Hölle, griechisch gesprochen: den Tartaros als den Ort der Strafen, mit denen die Übeltäter ihre Verfehlungen abbüßen müssen.

 

In Rilkes Späten Gedichten (1906 – 1926) findet sich der eindrucksvolle Text Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, dem die Formel vom ‚letzten Gehöft von Gefühl entstammt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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ISBN-13: 978-3749461790

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