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Sören, wie hab’ ich mich

Sören, wie hab’ ich mich

Täuschen lassen von Dir,

 Hast mich glauben gemacht,

Dir sei gelungen, so

Beides zugleich zu sein,

Meister des Großen Verzichts,

Abgestorben der Welt, und doch

Ganz zuhause im Glück,

 Hier im alltäglichen Tun.

 

War es auch kein Betrug,

Weil mit Vorsatz verübt –

Ich hab’s nötig gehabt,

Was Du mir vorgespielt,

Habe gedacht, Du seist

Mir gar um Längen voraus!

Welch ein Irrtum das war – erst spät

Haben Meister des Chan

Mich eines Bessern belehrt.

 

Was Dir so ganz missglückt:

Loszulassen und dann

Irdisch-froher Genuss –

Das ist das Kunststück, das

Könner im 'Großen Tod'

Fest sich zu eigen gemacht:

Statt an 'ewige Seligkeit'

Mich zu klammern wie Du,

Leb’ ich den Abschied vom Ich.

 

Wie sagt schon Lao-zi:

Wo kein Ich mehr besteht,

Hat auch Todesgefahr

Nichts mehr, was Dich erschreckt.

Sterben ins Leere hin –

Drohendes lauert da nicht –

Ist der Leib meines Lebens, ist

Quell der Freude zu sein,

Dicht an den Dingen, ganz dicht.

 

(2004)

Dieses Gedicht kontrastiert die Erfahrung von Shûnyatâ mit dem Versuch Kierkegaards, des Begründers der europäischen Existenz-Philosophie, metaphysisch begründetes Scheitern von Glückserwartungen und vorbehaltlosen Lebensgenuss zusammenzuführen.   

 

Sören Kierkegaard lässt in Furcht und Zittern sein Pseudonym Johannes de Silentio voller Bewunderung um den ‚Glaubensritter‘ herumtänzeln, der – angeblich – in jedem Augenblick die Doppelbewegung vollzieht, sich in ‚unendlicher Resignation‘ von allem loszusagen, nur um ‚in Kraft des Absurden‘ alles, und das heißt, das irdische Glück nur umso fester zu ergreifen: Er selbst, also Johannes de Silentio, wünscht sich nichts sehnlicher, als selbst ein solcher ‚Glaubensritter‘ zu sein, doch gerade das vermag er nicht zuwege zu bringen. Ähnlich schickt Kierkegaard in der Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift den pseudonymen Verfasser Johannes Climacus als einen ‚Kundschafter‘ unter die Leute, der den ‚Religiösen‘ ausspähen soll, den ‚Ritter der verborgenen Innerlichkeit‘, der trotz seines ‚absoluten Verhältnisses zu Gott‘ als der unbedingten Absage an alles Irdische zugleich imstande ist, sich in unendlicher Demut aus der Hand Gottes den uneingeschränkten Genuss an den Freuden dieser Welt schenken zu lassen; dabei ist dieser ‚Kundschafter‘, der sich selbst einen ‚Humoristen‘ und ‚experimentierenden Psychologen‘ nennt, meilenweit davon entfernt, selbst ein solcher ‚Religiöser‘ zu sein. Diese zweifache ironische Distanzierung Kierkegaards von dem, worum es ihm – zumindest zur Zeit der Abfassung beider Schriften – als höchster Form menschlicher Existenz unbedingter Ernst zu sein scheint, lässt zwei Deutungen zu: Entweder ist sie Ausdruck einer ins extrem getriebenen Aufrichtigkeit, die nicht für sich in Anspruch nehmen will, was nicht der Fall ist (dass nämlich Kierkegaard selbst ein solcher ‚Glaubensritter‘ bzw. ‚Religiöser‘ sei, der er in der Tat nicht war). Oder sie ist ein Kunstgriff ‚indirekter Mitteilung‘, die das, was für Kierkegaard selbst unbedingte Gewissheit ist, dem Leser als bloße Möglichkeit erscheinen lässt, die dieser nur durch eigenes existenzielles Bemühen auch für sich selbst in Gewissheit verwandeln kann. Letzteres hatte ich mir in meiner Jugend, bei meiner ersten Begegnung mit den Schriften Kierkegaards, zurechtgelegt. – Später hat Kierkegaard freilich alles Hoffen auf irdisches Glück als ‚Judentum‘ verworfen!

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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