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Nichts sagt das Lächeln der Blumen

Nichts sagt das Lächeln der Blumen.

Auch die der Buddha hochhielt,

 Hat nichts gesagt. Doch

 Eben das heißt: Es ist alles gesagt.

Denk an das Lachen Lin-jis:

Dass es nichts ist mit den Buddha-Worten,

All den zehntausend Dharma-Reden,

Hinter denen nichts ist.

Nicht anders du, wenn den Dingen

Du auf den Grund gehst,

Siehst auch du: Da ist nichts.

Siehst auch hier diese Blume,

Kelch ganz aus schweigendem Weiß:

Nimm ihr Lächeln entgegen,

Das der Welt, absichtslos,

Dies ihr Geheimnis bezeugt.

 

„Aber wie kann denn, dass nichts ist,

Statt dass es uns Entsetzen

Einflößt und Nacht, so

Anlass zu Freude, hell jauchzender, sein?“

Nun, wie du weißt: Auf dem Grund

Steht dir kein Gott bevor, Ehrfurcht heischend,

Nicht bedroh’n dich Gesetzestafeln,

Die Gehorsam von dir,

Die Unterwerfung verlangten.

Auch nicht ‚das Gute‘

Platons schlägt dich in Bann:

Anverwandlung und Dienst – nichts

Ist, das dir irgend befiehlt.

Du bist frei, keine Last mehr,

Die dich drückt – los von dir,

Kannst du doch Böses nicht tun.

 

(1996)

Das Gedicht setzt mit einer Anspielung auf jene Episode ein, da der historische Buddha auf dem Grdhrakûta, dem ‚Geierberg‘, seinen versammelten Anhängern angeblich, statt eine sehnlichst erwartete Lehrrede zu halten, nur wortlos eine Blüte entgegengestreckt hat. – Zum anderen nimmt es sich die Freiheit, einen Ausspruch Lin-jis ins Allgemeine zu wenden: Der Überlieferung zufolge soll Lin-ji sein ‚Großes Erwachen‘ mit einem sei es bitteren, sei es erleichterten Auflachen kommentiert haben: ‚Aber da war ja von Anfang an nicht viel daran an der Buddha-Lehre [meines Lehrers] Huang-bo!‘ Das muss – auch in den Augen Lin-jis – genauso auch für Buddhas eigene Lehrreden gegolten haben und – für uns – immer noch gelten.

 

Und dann ist da noch – und wieder einmal – Platon, diesmal nicht mit seiner Zwei-Welten-Theorie, sondern mit seiner Lehre vom Vorbild-Charakter der ‚Ideai‘, des ewig und unwandelbar Seienden, unter dem als höchstes Prinzip die ‚Idea‘ des ‚Guten‘ hervorragt, die zum einen bewirkt, dass nicht nur die ‚Ideai‘ selbst, sondern auch deren Abbilder, die Dinge der sichtbaren Welt, gut sind, und die zum anderen uns Menschen unausgesprochen abverlangt, dass wir uns ihr anverwandeln und durch Ausübung eines ihr entsprechenden Verhaltens in ihren Dienst treten.

 

Dass Transzendenz, die uns bisher in die Pflicht hat nehmen wollen, sich als Nichts erweist, hat zur Folge, dass auch wir selbst letztlich Nichts sind – und insofern auch los von uns selbst und unserem ‚Über-Ich‘.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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