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Im Leeren, so sagt das Sûtra

 Im Leeren, so sagt das Sûtra,

Gibt es die Sinne nicht,

Kein Gefühl, kein Bewusstsein,

Also auch Freude, auch Liebe nicht,

Keine Güte, die andern

Dich zu schenken dich drängt.

Einverstanden, so ist es.

Doch aus der Leere entsteigen,

Ebenso zweifelsfrei,

Dir in dein Leben, dein all-

Tägliches Tun,

Entsteigen Worte des Jubels,

Entsteigen Liebe und Güte,

Für andere da zu sein,

Ohne Erwartung du

Von Gegengabe, von Dank.

 

Und wie es das Sûtra fordert,

Tauchst du ins Leere ein,

Legst den Leib ab, die Sinne,

Denken und deiner bewusst zu sein.

So verwandelt in Leerheit –

Doch verharrst du so nicht.

Trittst hinaus in den Tag, die

Schönheit der Welt überfällt dich,

Schlägt in dich ein: ein Blitz,

Der unter Asche die Glut

Zündet und sprengt.

So scheint sie auf im Erstrahlen

Der Dinge: Dein ist die Glut, die

Der Welt unterliegt. Du weißt:

Schönheit ringsum ist nichts

Als deine Epiphanie.

 

(2000)

 

Wieder einmal wird hier das Sûtra vom Herzen der Einsicht zitiert, und zwar mit seiner Aussage: ‚Und deshalb gibt es in der Leere weder Körper noch Empfindung, Denken, Handeln und Bewusstsein …‘ Das Eintauchen in diese Leere, mithin der ‚Große Tod‘ und die aus ihm resultierende Rückkehr ins Leben, lässt die Schönheit der Welt als eine Glut erscheinen, die aus dem lyrisch-ekstatischen Ich als dessen Epiphanie hervorbricht.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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