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Öffne dich ihren Mündern

Öffne dich ihren Mündern:

Diese Götter bedürfen

Nicht des Worts, sich zu zeigen –

Schon ihr schwebendes Lächeln,

Hauch über Lippen und leicht,

Sagt sie gründlicher aus.

 

Doch da ist auch Erschrecken,

Deins nicht, aber die Griechen –

 Hölderlin gar gab es den Tod:

Dass nur ein Abglanz ist, was

Solche Götter uns schenken,

Sie unnahbar, und fern uns

Ihre Glückseligkeit,

Keinem Sterblichen jemals

Ein erreichbarer Ort.

Ach, dass so, was uns tröstet,

Götterlächeln, zugleich

Uns in die Schranken, das heißt,

In unser Unglück verweist!

 

Anders du, und ein andres

Lächeln kennst du, noch eines,

Götterlächeln auch dies, so

Leicht den Bögen des Mundes,

Kündet es, Glanz ohne Rand,

Ein noch freieres Glück.

 

Ist das Lächeln der Buddhas,

Schimmer leiblosen Goldes,

Tritt es dich an, lädt dich auch ein,

Dass du sie teilest – Teil nicht,

Ganz der Leib aller Buddhas

Du, und keiner mehr nicht du –

Ihre Glückseligkeit.

Und im Lächeln, das seither

Deinen Lippen entspringt,

Leihst du ihrem dein Antlitz.

Lächeln, deins, ist auch dies:

Mund, der sich öffnet zum Glanz,

Darin die Welten ersteh’n.

 

(Für U. T. – 1996)

Die figürlichen Darstellungen griechischer Götter aus dem Ende des 6. und Anfang des 5. Jahrhunderts v.u.Z. zeichnen sich durch eine kraftvolle Gelassenheit sowie ein glückselig-überlegenes Lächeln aus, das ihre Lippen umspielt! – Wie lange waren sie mir entfallen, diese griechischen Götter-Statuen des archaischen Stils! Und die Götter selbst, wie anders als Jehova, der sich wiederholt seiner Stimme bedient hat, wie anders auch als der christliche und der muslimische Gott einer in Sprache gefassten Offenbarung! Die Epiphanie dieser griechischen Götter war lautloser Art, eher dem Schweigen Shâkyamunis auf dem Berg Grdhrakûta, dem ‚Geierberg‘, vergleichbar. – Freilich, das glückselige, allem Leid enthobene Leben dieser Götter auf dem Olymp war den sterblichen Menschen unerreichbar. Wer es gleichwohl wagte, wie Bellerophontes mit seinem geflügelten Pferd Pegasos, den Olymp zu erklimmen, wurde von den Göttern unbarmherzig in die Tiefe, in das von Kummer und Leid geprägte irdische Leben zurückgeschleudert! – Und Hölderlin, für den diese griechischen Götter lebendige Wirklichkeit waren, ist an ihrer Unnahbarkeit zerbrochen: ‚Nah ist / und schwer zu erfassen der Gott!‘ – Der ‚Leib aller Buddhas‘ meint den Dharmakâya, die Shûnyatâ, mit der eins zu sein bedeutet, dass das lyrische Ich das Lächeln der Buddhas, aus dem die Welten hervorgehen, als sein eigenes erfährt.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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