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Flirrendes Laub im Gegenlicht

 Flirrendes Laub im Gegenlicht,

Wenn schon die Sonne sinkt.

Baumgewölbe, als hätte

Ruysdael Rembrandt die Hand

Über das Kupfer geführt.

Goldglanz,

Frieden von innen her,

Deiner und des erst

Noch zukünftigen Abends,

Angekündigt im Schattenhauch.

Goldglanz –

Siehst du das Goldgesicht?

Lächelnd sitzt er und Licht-umkränzt,

Rings überall,

Sanft in den Fluren: sie segnend.

 

‚Buddha-Natur‘! Doch nicht wie sonst

Dein und der Dinge Kern,

‚Große Leere‘ genannt. Nein,

Fülle dessen, was sich

Autopoietisch erhält:

Physis

Hieß es den Griechen – als

Kreislauf bedingten,

Immer gleichen Entstehens

Galt und gilt es seit Gautama.

Physis,

Buddha-entsprungen, dem

Dharmakâya, dem Nichts, und ist

Liebend beschützt,

Freudig geborgen im Goldlicht.

 

(1999)

 

In diesem Gedicht, das gleichfalls von den Auswirkungen einer Erfahrung von Shûnyatâ handelt, wird der Begriff ‚Buddha-Natur‘ umgedeutet – von einem transzendenten Grund und Ursprung aller Dinge zu eben der Gesamtheit der Dinge selbst: Die Natur hat als Physis, als die Gesamtheit aller Dinge, Teil an der Vollkommenheit der Transzendenz – einer Vollkommenheit, die sich als Goldglanz oder Goldlicht über die Welt verbreitet.

 

Jacob van Ruysdael, niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts, ist für seine grandiosen Landschaftsbilder berühmt, deren besonderes Merkmal weit ausladende und hoch in den Himmel hinaufragende Bäume sind. Und Rembrandt hat sich nicht nur als Maler, sondern ebenso als Kupferstecher hervorgetan. – Goldgesicht meint den transzendenten Buddha, auch ‚Buddha-Natur‘ genannt, der als das ‚wahre Wesen‘ aller Dinge all überall gegenwärtig ist. – 'Autopoietisch' ist ein Begriff aus der Systemtheorie, der die Fähigkeit ‚offener Systeme fern vom Gleichgewicht‘ bezeichnet, sich selbst zu gestalten und durch Austausch mit der Umwelt sowohl sich selbst zu erhalten als auch sich wechselnden Umweltbedingungen anzupassen. – Der Kreislauf immer gleichen Entstehens bezieht sich auf die hinduistisch-buddhistische Kosmologie, derzufolge nach immer dem gleichen Schema unendliche viele, jeweils vergängliche Welten aufeinander folgen.

Dietrich Roloff

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