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Achtzehn warst du, neunzehn vielleicht

Achtzehn warst du, neunzehn vielleicht,

Alles lag vor dir, und doch

Hattest du

Alles schon hinter dir,

 Hast dich als Greis gefühlt,

Leben und Glück

Längst ins Schwarze hinab,

Lautlos abhandengekommen, und

War doch Jubel, dein Schmerz,

Rauschhafte, nachtweite Freude.

 

Wallfahrten in den Schmerz,

Damals die Kammerkonzerte:

Nachkriegszeit,

Wiedererstanden in Weiß und Gold

Die Aula des Fürstbischofs.

Auftritt Brainin, Lovett und Co,

Beethovens Späte Quartette,

Einhundertfünfunddreißig,

Große Fuge B-Dur,

Kempf, Elly Ney,

Unvergessen ihr Spiel,

Die Hammerklavier-Sonate,

Er Opus Einhundertelf,

Dir nur Schauer der Schmerzen,

Tränenflut in die Nacht:

Was für ein Leidensmann

Bist du damals gewesen,

Jung, so jung, vom Entsetzen

So ekstatisch verklärt!

 

Heute noch bricht es hervor,

Wenn dich, Jahrzehnte danach,

Diese Musik jäh überrascht.

 

(2001)

Auch die erste Etappe des Zen-Weges, auf die hier von der zweiten her der Blick zurück fällt, konnte von schmerzlichen Stimmungen erfüllt sein, die sich wie ein Vorgriff auf das dà sῐ, das ‚vollständig Sterben‘ der Zen-Übung darstellen.

 

Dank eines verdienstvollen Mäzenatentums hat das schon damals hoch renommierte AMADEUS-Quartett mit den Herren Norbert Brainin (1. Violine), Siegmund Nissel (2. Violine), Peter Schidloff (Viola) und Martin Lovett (Violoncello) in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wiederholt das Provinznest Osnabrück mit glanzvollen Darbietungen insbesondere der späten Streichquartette Ludwig van Beethovens beglückt. – Elly Ney, sozusagen die Heroine der Beethoven‘schen Klaviermusik, begeisterte damals, bereits hochbetagt, in einer zum Konzertsaal umgewidmeten Schul-Aula vor allem mit Beethovens Hammerklavier-Sonate. – Er (der Pianist Wilhelm Kempf, der in jenen Jahren gleichfalls wiederholt mit Beethoven-Recitals in Osnabrück aufgetreten ist) Opus Einhundertelf: Es hat sich ja nun einmal so eingebürgert, dass alle Welt (nur die deutschsprachige ist hier gemeint) die Werkbezeichnung eines klassischen Musikstückes so ausspricht, als hieße das Wort ‚Ohpus‘. Einem Altphilologen ist das natürlich ein Graus; denn dieses lateinische Wort besteht ganz eindeutig aus zwei kurzen Silben; und so muss es auch hier gelesen bzw. gesprochen werden.

 

PS. ‚Fürstbischof‘ – dem Bistum Osnabrück war im Westfälischen Frieden von 1648 auferlegt worden dass es im Wechsel von einem protestantischen und einem katholischen Fürstbischof regiert werden sollte. Sitz dieses zugleich geistlichen und weltlichen Herren war das Barockschloss der Stadt Osnabrück, dessen restaurierte Aula den ersten repräsentativen Raum der weithin zerstörten Stadt abgab.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)