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Wie Spiel der Götter

 Wie Spiel der Götter

Ist dir Versenkung.

Leicht und heiteren Mundes

Wandeln sie hin,

Die „Steine“, die großen, zu setzen

Im „Brettspiel Welt“.

Leicht und heiteren Munds auch du,

Betrittst du die Fluren des Nicht-Seins,

Schreitest die Stufen hinab

Zu den Brunnen der Tiefe,

Folgst dem Talgrund ganz unten,

Der keinen Boden mehr hat.

Selig die Götter im Spiel,

Glückselig du aus Versenkung,

Nicht beneidest du sie

Um ihr ewiges Sein,

Das der Mythos erzählt.

Du lässt dich los ins Nichts,

Gehst aufs Neue hervor

Zu freudigem „Stirb und Werde!“

 

Den Göttern bist du

Freilich auf andre

Weise weit überlegen:

Sie dauern nur,

Solange kein Weltuntergang dem

Ein Ende setzt.

Du jedoch hast gelernt, dass du

Am Nichts etwas hast, deinen Kern gar,

Das noch den Weltuntergang

Überlebt und aus dem du

Neue Welten ersteh’n lässt.

Dass du im Nichts nicht mehr bist,

Das schmerzt dich nicht, hast du doch

Leben und dich nicht mehr nötig.

„Non omnis moriar“,

Sagt der alte Horaz:

‚Sterben werd‘ ich nicht ganz!‘

Ja, das ist wohl gesagt.

Nur kommt’s anders heraus,

Als Roms Poietés gedacht hat.

 

(2000)

Von Heraklit, dem ‚Dunklen‘, ist der Ausspruch überliefert: ‚Die Welt ist ein spielender Knabe, der die Steine eines Brettspiels setzt – eine Form der Herrschaft, bei der ein Knabe den König abgibt!‘ – Bei „Stirb und Werde“ handelt es sich bekanntermaßen um ein Zitat aus einem Goethe-Gedicht.

 

Der römische Dichter Horaz, lebenslang gefördert von seinem Gönner, dem Kaiser Augustus, und von diesem mit einer Vielzahl wichtiger poetischer Aufträge betraut, hat seine besondere Leistung darin gesehen, die bis dahin spröde lateinische Sprache so geschmeidig gehandhabt zu haben, dass sie sich den komplexen Versmaßen der von ihm bewunderten griechischen Vorbilder Sappho und Alkaios zu fügen imstande war. In der berühmten Ode III, 30 (Exegi monumentum aere perennius: ‚Ein Denkmal, dauerhafter als Erz, habe ich mir errichtet‘) sagt er voller Stolz von sich selbst: „Non omnis moriar, multaque pars mei / vitabit Libitinam“‚Sterben werd’ ich nicht ganz; ein großer Teil von mir wird der Vernichtung entgehen.‘ – Und »Poietés« ist lediglich das griechische Wort für ‚Dichter‘.

Dietrich Roloff

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