· 

Verloren ins Schauen

 Verloren ins Schauen,

Verloren ins Licht

Über den Dächern, den Bäumen,

Kahl und im Frühlingswind.

Verloren ins Schweigen,

Verloren ins Glück,

Das dir mit Wellen des Leibes

Tränen ins Antlitz schickt,

Dir aus des Leibes Grund

Unbezähmbar Gesang

Über die Lippen drängt.

Verloren ins Schwinden, das dich

Sanft deinem Ich entführt,

Verloren ins Schwellen

Hinter den Dingen,

Unter der Welt –

 Verloren und still.

 

Verloren in nichts –

Hülle und Leib

Halten dich nicht, kein

Erschrecken berührt dich:

Ankunft und Heimkehr dort-

Hin, wo keine Fragen mehr sind,

Wo dich, so sagt man, dein

Eignes Antlitz empfängt,

Deines schon vor der Welt,

Lächelnd und leicht und heißt

Dich wie zuhause willkommen.

Und Anruf ergeht

Dir, wortlos, ins Leben,

Wandlung zum weiten Ort,

Darin das Aufblüh’n der Dinge

Ins Heile gerät,

Zu lichthellem Frieden.

 

(2004)

Schon im chinesischen Chan findet sich häufig die die Aufforderung eines Meisters an einen Schüler, der kurz vor dem Durchbruch in die Shûnyatâ wie stecken geblieben ist: ‚Zeig mit das Antlitz, das deinen Eltern zu eigen war, bevor du geboren bist!‘ Hier wird, im gleichen Sinne, nach dem eigenen Antlitz gefragt, das du schon vor der Welt besessen hast. Und immer wieder die Zweiheit vom Sterben des ‚Großen Todes‘ und der Rückkehr in ein geradezu vollkommenes Leben.