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„Mitten im Leben, ach,

 „Mitten im Leben, ach,

Sind wir vom Tod umfangen!“ –

Das ist kein Schreckenswort,

Beileibe nicht,

Das ist ein Freudenruf,

Dem, der sich selbst –

Eckhart gemäß

Und Lao-zi –

Leichthin zu lassen weiß.

Besseres denn als dies

Kann ihm so gar nicht

Je widerfahren.

„Schwebend sein Gang“,

Und keineswegs

Der eines „Ritters der Resignation“,

Einer „unendlichen“ gar.

Sören, so glaub‘ es mir doch:

Vielmehr genießt er das Sonnenlicht

Leibestief,

Reißt ihn das Glück

Des Seienden

Mit hinaus:

Augen und Mund umspielt

Ihm das Lächeln der ‚Soheit‘:

‚So, wie es ist, ist es nichts!‘

Das gilt, nur das, und nicht:

„Wenn wir in Todesnöten“

Schrein oder sonst ein Ding.

Auch du hast einst

Wohl diesen Satz gekannt,

Falsch wie er ist,

Der dir den Schreck

Bis tief ins Mark

Einjagen soll, umsonst:

Dass es Nichts ist mit uns,

Anderem auch nicht,

Eben das macht dich

Frei für noch mehr:

Das Abendlicht

Etwa, und ohne noch Schwermut zu sein,

Glück ohne Angst, ohne Not,

Wenn auch vergänglich, doch du –

Bist seinem Sterben mit deinem noch

Stets voraus,

Trittst allemal

Schon hier und jetzt

Neu hervor,

Nicht erst in Welten, die

Anderswo erst entsteh’n. Hier

Hast du dein Glück, das du fühlst.

 

(1999)

Mitten im Leben, ach, / Sind wir vom Tod umfangen!“  ist ein Luther-Zitat. – Meister Eckhart und Lao-zi stimmen darin überein, dass sie ein umfassendes Loslassen als Voraussetzung für ein wahrhaft gelungenes Leben lehren: Meister Eckhart spricht von ‚Gelassenheit‘ in ebendem Sinne, dass wir alles lassen müssen, um der Fülle teilhaftig werden zu können; und Lao-zi spricht explizit davon, dass es vor allem anderen darauf ankomme, unser Selbst aufzugeben.

 

Der „Ritter der unendlichen Resignation“ verweist auf Sören Kierkegaard, der in seiner kleinen Schrift Furcht und Zittern gleichfalls von einem „schwebenden Gang“ zu berichten weiß; aber das ist der Gang desjenigen, der in ‚unendlicher Resignation‘ auf alles irdische Glück ein für alle Mal verzichtet hat und diesen Verzicht bei jeder unwillkürlichen Anwandlung von Lebensfreude wiederholt.

 

Dass es Nichts ist mit uns – die Großschreibung des Wortes Nichts sollte nicht als irrtümlich in den Text hineingeraten missverstanden werden. Zwar hat der Satz in der Tat den Rhythmus und Sinn von ‚dass es nichts ist mit uns‘; aber es steckt in dieser bewusst doppeldeutigen Schreibweise auch noch ein Zweites darin: dass es mit uns eben Nichts ist, will sagen, dass wir in Wahrheit mit dem Nichts identisch sind.

Dietrich Roloff

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