· 

Leer, ohne Grund

 Leer, ohne Grund,

DAO, das Nichts –

Lao-zi hat es uns

Anempfohlen als Ort

Unsrer Wiedergeburt.

„Nicht-Ort“, den es nicht gibt,

Noch den nächtlichen Schein

Weit auf mondstillem Meer.

Dennoch dorther geschieht’s,

Dass „ohne Wind“ himmelhoch

Steigen die „Wogen“ zur Drachenflut.

 

Buddha-Natur,

Heißt es im Zen.

Geist nicht, Nicht-Geist nichtmal

Ist am Grunde der Welt.

Unerschrockenes Wort,

Meister-Wort: ‚Es vergeht!‘

Welch Erschrecken des Mönchs,

Dass im Feuer zum Schluss

Nichts mehr bleibt, das dir Halt

Gäbe, auch ‚dies da‘ nicht mehr,

Gleichwohl dir Quell deiner Zuversicht.

 

(1994)

Die erste Strophe macht Anleihen bei einem Gedicht des Xue-dou Zhong-xian, und zwar bei seinem Lobgesang zum Kôan 95 Bi-yan-lu, und geht zugleich über Xue-dou’s dortige Formulierung hinaus: Xue-dou spricht davon, dass ‚es am Nicht-Ort Mondschein gibt und spiegelglatte See‘, dass aber ‚dort, wo Ort ist, sich ohne Wind die Wogen türmen‘. Dabei ist der Schein des Vollmondes die Chan-typische Metapher für das Erwachen und das spiegelglatte Meer diejenige für den Zustand eines von Erwacht-Sein erfüllten, friedvoll-ruhigen Daseins. Doch streng genommen ist ein Nicht-Ort ein Ort, den es nicht gibt, weshalb dort, wo kein Ort mehr ist, auch sonst nichts sein kann: kein Mondschein und kein Meer, in dem der Mond sich spiegelt. – Der zweite Teil des Xue-dou-Zitats – ‚dort, wo Ort ist‘ – hat es hingegen mit der irdischen Welt und unserem Dasein in ihr zu tun; und dass sich dort ohne Wind die Wogen türmen (von Drachen aufgepeitscht, wie der Lobgesang desweiteren andeutet), ist die poetische Umschreibung der – durchaus zustimmungsfähigen – Aussage, dass wir von jenem Nicht-Ort her neue, zuvor ungeahnte – drachengleiche – Kraft empfangen, unser Dasein und die Aufgaben, die es uns stellt, zu bewältigen.

 

Die zweite Strophe zitiert das Kôan 29 Bi-yan-lu (auch Kôan 30 Cong-rong-lu), wo der Meister Da-sui einem fassungslosen Mönch entgegenhält: ‚Ja, wenn am Ende der Zeit der Weltenbrand alles bis zum Grund verbrennt und das gesamte Weltall vernichtet, dann muss auch dies da der Dharmakâya, das unaussprechliche und unzerstörbare Wesen der Dinge – vergehen!‘

 

Darüber hinaus erklärt dieses Gedicht wie im Vorgriff auf spätere Einsichten meinerseits die Buddha-Natur (fó-xìng), einst, bei Huang-bo etwa, als Geist bzw. Nicht-Geist bestimmt, zu einem reinen Nichts, das nicht einmal existiert.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

zum BoD Buchshop