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Jedesmal beim Zazen

 Jedesmal beim Zazen

Legst du vom Ufer ab,

Richtest die Fahrt,

Ohne Segel und Ruder,

Weit hinaus, und dein Gleiten

Über die Wasser des Todes,

Schwarz und glatt unterm Frühlicht

Drüben am Tagesrand.

 

Frieden. Ruhige Fahrt

Über die Tiefen hin

Trägt – und kein Wind –

Dich zum ‚anderen Ufer‘.

Blick zurück – nein, das nicht. Du

Stehst in Erwartung des Tages,

Stehst im Bug unter Sternen,

Schon übersät vom Licht.

 

Letzte Fahrt übers Meer,

Und – doch die letzte nicht.

Anders die Fahrt

Einst des Dichters Vergil zu

Immer fremderen Welten,

Bis zum Erlöschen im Stein. Nein,

Du am ‚anderen Ufer‘

Leuchtend vor Lebensglück.

 

(2002)

Dieses Gedicht ist ganz offenkundig inspiriert von der wortgewaltigen, eindringlichen Todes-Meditation, mit der Hermann Broch seinen Roman Der Tod des Vergil beschließt: Broch beschreibt das Erlöschen des sterbenden Dichters als eine Meeresfahrt, die über immer neue, immer befremdlichere Kontinente in eine steinerne Welt mündet, in der der Sterbende schließlich selbst zu Stein erstarrt. Demgegenüber das Sterben, der ‚Große Tod‘, im Zazen: Es führt den Übenden zu einer immer nur größeren Lebendigkeit, zu einem ‚anderen Ufer‘, leuchtend vor Lebensglück.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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