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„Es geht ein dunkle Wolk’ herein“

 „Es geht ein dunkle Wolk’ herein“ –

Wie doch die Welt aus Leid und Tod

Mit Dunkelheit sich überzieht!

Wie schwarze Lasten aus Gewölk

Sich senken himmelweit,

Und kein Entrinnen möglich scheint!

So steht’s am »Südberg«, sagt Yun-men,

Und das trotz Frühlingswind

Und Sommerlicht –

Ein Wolkendunkel, schwerer noch,

Als Brueghel es den Hirten und

Den Rindern in den Abend malt,

Ein Grabtuch fast,

Das Baum und Strauch entlaubt,

So schmerzensschwere Düsternis.

 

Und doch: Wie hohe Berge ihr

Meist schneebedecktes Haupt noch aus

Den Wolken heben, angestrahlt

Von Licht, und wie einst Götter sich

Auf Gipfeln, fern vom Leid

Der Welt, des Glücks zu sein erfreut –

So hast auch Du dein Glück, sogar

Hier unten in der Zeit,

Vom Glanz umhüllt,

Der Dich – vom »Nordberg« steil herab,

Wo Regen fällt, wo alles Leid

Der Welt sich auflöst, Freude wird,

Und Fruchtbarkeit –

Zu neuem Leben dich

Erweckt, aus Sternengrund und Tod.

 

(Für Jana – 2004)

Im Kôan 31 Cong-rong-lu erklärt Yun-men: „Am Südberg steigen Wolken auf, am Nordberg fällt Regen.“ – Und Pieter Brueghel der Ältere lässt auf seinem – dem Zyklus der Vier Jahreszeiten zugehörigen – Herbstbild Die Heimkehr der Herde über der rechten Bildhälfte eine drohend-düstere Wolkenwand aufziehen.