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Du bist der Herbst

Du bist der Herbst

Und nichts vergeht.

Du hebst das Sterben in

Den Augenblick,

Der reglos währt –

Vollkommenheit.

 

Kein Schmerz, kein Laut

Der Trauer rings.

Das Fest der Farben hält

Der Angst der Welt

Den Spiegel vor:

Kein Abschied ist.

 

Das Blatt, das fällt,

Vergang‘nem zu,

Du stellst sein Fallen still.

Ins Schweben steigt

Das Sinkende –

Und das wirkst du.

 

Du selber riefst

Nach Dauer einst,

Vom Sterben überwogt –

Seit Stille du

Und grenzenlos,

Schenkst du den Trost

 

An alles aus:

Dass Sterben nicht

Geschieht. In dir vereint,

Noch jedes Ding

Zu Glanz verweilt,

So wandellos.

 

(Für U.T. – 1995)

Was hier beschrieben wird, ist nur verständlich und nachvollziehbar, wenn wir uns bewusst machen, dass das individuelle Subjekt sich während der zweiten Etappe des Zen-Weges eins weiß mit der Shûnyatâ jenseits der Dinge, in der eben diese Dinge – und folglich auch hier das lyrische Subjekt – gleichwohl seit jeher und für immer aufgehoben sind, dass also dort Sterben nicht geschieht. Ja, von dorther ist es das lyrische Subjekt selbst, das den Dingen diese ihre Unvergänglichkeit verbürgt. Ekstatisches Dasein, wie hier beschrieben, ist ein Dasein, in dem das Subjekt ‚aus sich selbst herausgetreten‘, nicht mehr es selbst und doch zugleich es selbst ist.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)