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Die Sterne kennen Tage

 Die Sterne kennen Tage

Und kennen Jahre nicht.

Ihr Leuchten dauert, dauert, stirbt,

Und neue Sterne leuchten auf,

An andern Orten und

In andern Galaxien.

 

Bedenke, was du bist.

Und leichter wird es sein,

Den ‚Großen Tod‘ zu sterben.

Sind wir doch nichts

Vor solchen Zeiten, Räumen.

 

Der ‚Große Tod‘ fragt nicht,

Ob du willst, ob nicht.

Er tritt dich eigenmächtig an,

Von vorne, hinterrücks.

Und Tränen schießen dir vors Augenlicht,

Halb Glück, halb Schmerz,

Und wandeln sich

In Jubel, Feuer, Sterne um,

Die sonnengleich

Dir Tag und Nacht erhellen.

So stehen Sterne um dich her,

Die man, wie Rilke sagt, nicht sieht.

Doch du – in Sternenglanz gehüllt,

Gehst du dahin.

 

Bedenke, was du bist.

Du bist in deinem Leerheitsleib

Das Nichts, das bodenlose,

Dem noch die fernsten Sternenhaufen sich

Verdanken, dass sie sind.

 

(2000)

Jahre gibt es nur für Planeten mit ihrer mehr oder weniger elliptischen Umlaufbahn um ein Zentralgestirn: ihre Sonne, ihren Stern; und Tage gibt es ebenfalls nur für Planeten, die sich außerdem fortwährend um ihre eigene Achse drehen.  

 

Zweierlei wird in diesem Gedicht zusammengefügt: dass das Sterben des ‚Großen Todes‘ zum einen nicht nur ins Leben, sondern sogar in ein besonderes, von Jubel und innerem Feuer erfülltes Leben zurückführt, und dass zum anderen das sterbliche Ich sich mit der Shûnyatâ, dem bodenlosen Nichts, derart eins weiß, dass sie ihn über die Grenzen der eigenen Endlichkeit hinaus das Erblühen noch der fernsten Sternenhaufen als ihm selbst entsprungen erleben lassen.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

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Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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