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Die ganz frühen Meister

 Die ganz frühen Meister,

Die großen, des Chan,

China der Tang-

Dynastie,

Du hast sie bewundert,

Seit du von ihnen

Erstmals gelesen, gehört.

Was sie erreicht, das schien

Höchst erstrebenswert, doch

Unerreichbar für dich:

So zu leben, so frei, so

Ganz geborgen in – nichts, so

Unbedroht

Inmitten des Weltlaufs,

So von Freude erfüllt,

Die sich selber genügt,

Gelassen und doch voller Tatkraft:

Zhao-zhou und die Alte

Fern am ‚Fünf-Tafel-Berg‘,

Nan-quan im Gespräch

Einst mit Hochwürden Lu

Über ‚Wachen und Traum‘,

‚Fünfhundert glückliche Jahre als

Fuchs‘, wie Meister Bai-zhang sie

Vor den Mönchen bekannt.

 

Heute bist du schon längst,

Wie Lin-ji einer war, ein

Wu shi ren, einer, der

Nichts mehr für sich erreichen, der nichts

Weiteres haben will,

Weil er immer schon hat, was er braucht.

Ist doch der

„Wahre Mensch ohne Rang“

Ihm Erfüllung genug,

Inbegriff schönsten Geschicks.

Und wie einst Zhao-zhou

Stolz davon sprach,

Aus seinem Tod

Wiedererstanden und erst seit dem

Ganz lebendig zu sein,

So kannst auch du von dir

Sagen, du habest gleich ihm

Neues Leben empfangen,

Freude-tief, aus dem Quell des

‚Großen Todes‘ glückselig.

 

(2000)

Die erste Strophe zitiert – allerdings so, wie die späteren Meister der Song-Zeit sie sich gedeutet haben – drei heraus-ragende Vertreter aus der Frühzeit des Chan-Buddhismus: Zhao-zhou (778-897), seinen Lehrer Nan-quan (748-835) und dessen etwas älteren Zeitgenossen Bai-zhang (720-814). Im Falle des Zhao-zhou geht es um das Kôan 10 Cong-rong-lu (auch Kôan 31 Wu-men-guan), demzufolge der schon hochbetagte Meister eine mehrtätige Reise zum Wu-tai-shan, den Fünf Tafelbergen, einem der heiligen Berge Chinas, auf sich genommen hat, nur um eine alte Frau auf die Probe zu stellen, die dort den Pilgern kleine Wegzehrungen zu verkaufen pflegte. – Bei Nan-quan geht es um das Kôan 40 Bi-yan-lu (auch Kôan 91 Cong-rong-lu), das von einem Gespräch zwischen dem Meister und seinem Gönner und Schüler Lu Geng handelt, bei dem Nan-quan seinem Gast, einem hohen Würdenträger, auf höchst schonende Weise vorhält, die Dinge unserer irdisch-materiellen Welt nur so anzuschauen, ‚als wären sie ein Traum‘. – Und im Falle Bai-zhang’s geht es um jene Episode (Kôan 8 Cong-rong-lu, auch Kôan 2 Wu-men-guan), bei der einem früheren gleichnamigen Abt auf demselben Berg zumindest vom Verfasser des Wu-men-guan zugestanden wird, dass seine als Strafe über ihn verhängte 500jährige Fuchs-Existenz in Wahrheit ein glückliches, ein vergnügliches Leben bedeutet haben.

 

In der zweiten Strophe findet sich eine doppelte Anspielungen auf Lin-ji: zum einen auf seinen wu shi ren, den ‚Menschen ohne Angelegenheiten‘, und zum anderen auf seinen wahren Menschen ohne Rang, will sagen, auf die Shûnyatâ als unser aller wahres Selbst, zu dem vorzudringen bedeutet, fortan allen Ängsten und Sorgen, allen Kümmernissen enthoben zu sein. – Und zum Schluss wird noch einmal Zhao-zhou zitiert, der – so im Kôan 41 Bi-yan-lu bzw. 63 Cong-rong-lu – stolz bekennt, aus dem ‚Großen Tod‘ zu neuem Leben, zum jetzt erst richtigen Leben erwacht zu sein.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Book on Demands

ISBN-13: 978-3749461790

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