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Längst schon hast Du ein Loblied verdient

 Längst schon hast Du ein Loblied verdient,

Hui-neng, Du alter Chinese.

Jung noch warst Du, da hat Dich der Fünfte

Eigenhändig und nachts

Heimlich über den Fluss gebracht,

Dich vor Missgunst, vor Rachsucht zu schützen,

Warst Du doch für die andern

Nichts als ein Dieb –

Ach, das Tuschbild, oft wiederholt,

Das diese Szene zeigt,

Du selbst hast es niemals gesehen.

Sicher, er hat es zu Recht getan:

So nur konntest Du werden,

Der Du geworden bist,

Du, der Befreier des Chan.

Hast uns doch von den Sûtren befreit,

Großmäulig-wortreichen Wundergeschichten –

Ab ins Feuer mit ihnen, Schluss! –

Von noch festerer Fessel auch,

Nämlich vom Buddha selbst:

„Ursprünglich ist da kein einziges Ding“,

Auch nicht ein Buddha-Geist!

Dank Dir, kühner Verkünder des Nichts!

 

Sôgenji – schon das Wort ist Programm:

Es soll Dein ursprüngliches Chan, wie

Du es dort an der Sô-Schlucht begründet,

Unverfälscht, Hui-neng,

Dort im Kloster bewahrt und für

Alle Zeiten lebendig erhalten

Bleiben. – Was aber tun sie

Tatsächlich dort?

Sûtren singen sie, Hui-neng,

Schreien sie stundenlang,

Und Götter und andere Brut aus

Shintô und sonstigem Mythos – vor

Dir doch ohne Bestand – sie

Beten sie lauthals und

Beten sie inbrünstig an.

Du, erhobenen Hauptes und aus

Gut daoistischem Haus, Hui-neng, wo

Nächst dem Himmel, der Erde der

Mensch nur zu den Drei Großen zählt –

Wie viele Feuer musst

Du noch entzünden, um Unkraut wie das

Gleichfalls der Flammenwut

Preiszugeben, ach ja, Hui-neng!

 

(2000)

Mitten in der zweiten Etappe des Zen-Weges melden sich, ausgelöst durch die Lehre vom DAO, schon einmal erste Zweifel an einer Buddha-Natur als unser aller wahrem Wesen zu Wort:

 

Dieses Gedicht stellt den historischen Hui-neng – so es ihn denn überhaupt gegeben hat – regelrecht auf den Kopf, und zwar unter dem Einfluss eines bedeutenden Tuschebildes, auf dem der Song-zeitliche Maler Liang Kai einen arg verwilderten Hui-neng – der damaligen Um- und Neudeutung des Chan entsprechend – dabei zeigt, wie er, stellvertretend für alle heiligen Texte zusammen, ein Sûtra zerreißt – und, wie die Schlusszeilen ergänzen, die Fetzen den Flammen preisgibt. Auch der nachgerade berühmte Vierzeiler, in dem der schlechterdings ungebildete Analphabet (!) Hui-neng mit seiner Aussage: „Ursprünglich ist da kein einziges Ding“ die allgemeine Buddha-Natur als reines Nichts bestimmt, ist nichts als nachträgliche Zuschreibung – eine Aussage im Übrigen, die nur vor dem Hintergrund der Lehren des Daoismus zu verstehen ist, in denen der Urgrund aller Dinge durch den Terminus wu bezeichnet wird, der eben ‚nichts‘ bedeutet. Daher auch in der zweiten Strophe die Formulierung: ‚aus gut daoistischem Haus‘.

 

Sôgenji ist ein Zen-Kloster in der Rinzai-Tradition am Stadtrand von Okayama, das im Jahre 2000 auf eine dreihundertjährige Geschichte zurückblicken konnte. Aus diesem Anlass war im Empfangsraum des Abtes ein kostbares altes Rollbild aufgehängt, auf dem eben die Szene festgehalten ist, wie Hong-ren, der sog. Fünfte Patriarch, dem jungen Hui-neng, den er soeben heimlich zu seinem Nachfolger erklärt hat, über den rettenden Fluss hilft. – Im Übrigen kann diese zweite Strophe als Beleg dafür gelesen werden, dass das japanische Zen auch heute noch an überalterten Formen und Inhalten festhält.