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Damals, als dich zum ersten Mal

 Damals, als dich zum ersten Mal

Diese Musik angesprungen,

Opus Einhundertzehn,

Opus Einhundertelf,

Seine letzten Quartette –

Du so jung, so unnahbar stolz,

Ach, um den Mund

Stets den schmerzlichen Zug eines Wissens,

Das dir sonst keiner teilt –

Ja, du weißt noch, da war es

Wie eine schattende Hand,

Die sich zur Nacht wölbt,

Dich ins Offene stößt, ins

Ungekannte verlockt:

Sieh’ doch, da vorne das Land,

Das dich erwartet,

Baumbestanden von – sieh’ nur! –

Bangem Erstaunen, von

Drohendem Schwarz, und ist doch,

Als verspräche sich dir ein

Weltzersprengendes Glück.

Ja, du hattest das Dunkle

Dieser Musik – Arietta,

Was für ein Abgesang! –

Längst als eigenen Schmerz erlebt

(Anders hätte sie nicht

Solche Macht und Verführung

Unwiderstehlich geübt) –

Dennoch war sie das Tor, das dich

Damals ans Ungeheure

Ganz verstieß, an das immer neu

Fremde, und das schien

Niemals, nirgends ein Letztes zu sein.

 

Heute fasst dich ein Staunen bei

Dieser Musik, das zurücklockt,

Wie als wär’ da ein Glück,

Ein verlorenes, neu

Zu entdecken, ein Staunen

Vor dem Schmerzlichen auch, das dich

Damals betraf:

„Ausgesetzt auf den Bergen“ des Abschieds,

Unten der Abgrund, die

Wehmut baldigen Sterbens,

Wehmut des großen Verzichts,

Unwiderruflich,

Ausgesetzt in die Weiten

Eines tödlichen Lichts –

Schweigen auf Eis und Geröll –

Das dich erfrieren

Machte, starr bis zum Herzgrund,

Gäb’ es die Tränen nicht.

Untergegangen aber

Bist nicht du, ist schon lange

Jene schmerzschöne Welt,

Ja, du weißt heute nichts mehr,

Mögen die Räume so leer sein,

Nichts mehr von Einsamkeit,

Kaum noch kennst du das Wort. Ein Haus

Brauchst du keines, und nicht

Frostbedroht von den Sternen

Mondkalter Nacht, bist du hier

Heimisch mitten im Schwindenden:

Dir schneidet kein Verlust ins

Fleisch, ja streift dir auch nur die Haut,

Du musst nicht Abschied

Nehmen – Leib-tief gelassen, getrost.

 

(2002)

In der ersten Strophe dieses Gedichts wird auf die Kammermusik des späten Beethoven angespielt: auf die beiden letzten Klaviersonaten Opus Einhundertzehn und Opus Einhundertelf sowie auf die späten Streichquartette op. 127 bis 135. Arietta (‚Kleine Arie‘!) hat Beethoven den zweiten und zugleich letzten Satz seiner letzten Sonate überschrieben, in Wahrheit ein Satz von überwältigender Größe und Abgründigkeit.

 

Und in der zweiten Strophe desselben Gedichts vorsätzlich eingefügte Rilke-Anklänge! Unüberhörbar die Anspielung auf die berühmte Eingangs-Zeile: „Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“. Aber hier bei den Bergen des Abschieds geht es weder um das Verstummen noch das Ersterben des Gefühls, sondern – ganz radikal – um den Tod. Und dann ließe sich da noch eine Anspielung auf die Zeile: ‚Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr‘ vermuten. Doch das trifft nur zur Hälfte zu: Es geht Rilke an der entsprechenden Stelle vielmehr lediglich um das Haus als Schutz gegen ein bedrohliches, existenz-bedrohendes Draußen; hier aber hat das Fehlen eines Hauses keine Verwundbarkeit zur Folge, sondern besagt, eines solchen Schutzes unbedürftig zu sein.

Dietrich Roloff

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ISBN-13: 978-3749461790

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