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Alles fällt von dir ab

 Alles fällt von dir ab,

Nicht nur Leben und Leib,

Auch der Tod, auch das Streben

Irgend auf Ziele hin.

Frei von den Banden des Daseins

(Und das Sterben, die Drohung,

Dass du ihm nicht entrinnst,

Hält dich am zähesten fest),

Frei von Bürden, von Angst,

Dass doch dies oder das

Unerlässlich zum Glück,

Unerreichbar vielleicht,

Dass Enttäuschung, Verzicht

Wunden schlägt, und vernarbt nicht,

Dass gar zu leben nicht hinreicht,

Was dir allemal bleibt –

Länger berührt es dich nicht.

 

Nicht die Liebe erlischt.

Glühend geht sie hervor

Aus dem ‚Sterben‘, dem ‚Großen‘,

Glühend wie jener „Kuss“

Einst für die „Welt“ – wie? – die „ganze“.

Nicht den „Brüdern“ jedoch und

Nicht nur den Schwestern gilt

Ihre verströmende Glut –

 Allen Wesen der Welt

Schenkt sie freudig sich hin,

Trunken, nüchtern wohl auch,

Mehr als nur für den Tag,

Diesen einen. – Und noch,

Wenn du einkehrst nach innen,

In dir die Stille dich aufnimmt,

Bleibt im Schweigen, wen du

Liebend umarmt, dir vereint.

 

(2002)

Wer kennte ihn nicht, und sei es durch Beethovens Vertonung im letzten Satz seiner 9. Symphonie: Schillers Hymnus An die Freude, und darin so hymnische Zeilen wie: ‚Froh, wie seine Sonnen fliegen, / Durch des Himmels prächt’gen Plan, / Wandelt, Brüder, eure Bahn, / Freudig wie ein Held zum Siegen!‘ oder eben die hier zitierten: ‚Seid umschlungen, Millionen, / Diesen Kuss der ganzen Welt! / Brüder, überm Sternenzelt / Muss ein lieber Vater wohnen‘ – Und zum anderen: Muss eigens daran erinnert werden, dass wir nicht nur die Geliebte, den Geliebten, sondern ebenso auch Eltern, Geschwister, Töchter und Söhne liebend umarmen können und hoffentlich auch tatsächlich tun?