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Eingebettet ins Leere liegt

 Eingebettet ins Leere liegt

Sonnenbeschienen die Welt

Rings und weit um dich da,

Leiser Windhauch von See lässt

Gräser und Sträucher sich wiegen:

Alles, was ist,

Atmet den Frieden der Leerheit.

Sieh, diesen Gautama:

Weiß und leuchtend der Blütenkelch,

Den er den Jüngern zeigt,

Schweigen, Lächeln, sonst nichts. Denn –

Was auch solltest du suchen?

Hinter den Dingen ist nichts. Und

Das, eben das

Schenkt dir Stille und Frieden,

Schenkt auch den Dingen

Ihre Vollkommenheit,

Sind sie doch so sich genug.

 

Hör’ im Rauschen der Pappeln nicht

Nur den schon herbstlichen Wind,

Du vernimm darin auch

Klang und Wohllaut der Leerheit:

Tief in der Wölbung des Rauschens

Nistet und lockt

Tröstlich die Stimme des Schweigens,

Legt sie doch Zeugnis ab,

Dass, dem Anschein zum Trotz, wie du

So auch die Dinge sonst

Keinem Tod unterliegen:

‚Ungeboren‘ und zeitlos

Sind sie im Leeren geborgen,

Du bist es auch,

Wie schon Meister Ma-zu an

Wildenten einst und

Handgreiflich klargestellt:

Flüchtig und doch – immer da!

 

(Für Julia – 2002)

Zwischen den beiden Strophen dieses Gedichts tut sich ein tiefer Riss auf: In der ersten bedeutet Leerheit, dass hinter den Dingen in der Tat nichts ist, auch keine Shûnyatâ als das ‚ungeborene‘ und unvergängliche ‚wahre Wesen‘ der Dinge, und dass eben das ihre Vollkommenheit ausmacht: Sind sie doch so sich genug, und nur so.

 

Die zweite Strophe hingegen redet eben einem solchen ‚wahren Wesen‘ das Wort, in Gestalt des ‚Ungeborenen‘, wie die Formel des frühneuzeitlichen und volkstümlichen japanischen Zen-Meisters Bankei lautet. Dieser Widerspruch hat mir zum Zeitpunkt der Entstehung des Gedichts noch nicht so deutlich vor Augen gestanden; dennoch ist er zum Ausgangspunkt einer lang anhaltenden kritischen Reflexion meiner Zen-Erkundungen geworden, die ihrerseits den Übergang zur dritten Etappe des Zen-Weges begleitet hat.

 

Immer wieder einmal die Urszene des Chan- und Zen-Buddhismus: Gautama, also der historische Buddha, hält seinen Jüngern auf dem ‚Geierberg‘, statt sie mit einer letzten Lehrrede zu beglücken, lediglich einen Blütenkelch entgegen. – Dann noch die Anspielung auf das Kôan 53 Bi-yan-lu: Der Meister Ma-zu machte eines Tages zusammen mit seinem Schüler Bai-zhang einen Spaziergang. Plötzlich flog über ihnen ein Schwarm Wildenten vorbei. Sofort fragte Ma-zu: ‚Was war das?‘, um auf Bai-zhangs unverzügliche Antwort: ‚Wildenten!‘ mit der Frage nachzusetzen: ‚Wohin sind sie geflogen?‘ Als Bai-zhang zur Antwort gab: ‚Sie sind davongeflogen‘, ergriff Ma-zu blitzschnell die Nase seines Schülers und drehte sie mit aller Kraft herum. Bai-zhang schrie vor Schmerz laut auf, Ma-zu aber wies ihn ungerührt zurecht: ‚Wie wären die wohl je davongeflogen!‘ Und bei diesen Worten überkam Bai-zhang das ‚Große Erwachen‘.

Dietrich Roloff

ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ‚Lehrreden‘ des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku

19,95 €

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3749461790

(erhältlich auch als E-Book)