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Yakushi-ji

 Yakushi-ji,

Nara, Tempel des all-

Heilenden Arztes, kein

Leid, kein dunkles Gewölk, das

Vor ihm besteht,

Sich dem blicklosen Blick und Sog

Einwärts ins Leere, bei

Halbgeschlossenen Lidern,

Sich widersetzen kann:

Bronzen – als wär’ er entrückt,

Strahlt die welt-

Füllende Güte

Seines Nicht-Tuns, seines Verzichts

Tiefer ins All als noch

Sonne und Mond, die ihm,

Glanzvoll-gelassen,

Hehre Gandhâra-Gestalt, zwei

Arztgehilfen, zur Seite steh’n.

 

Und – kein griechischer Gott, so sehr

Dich ihr Marmor auch blendet,

Hat aus strahlendem Licht je,

Machtvoll, wie Sturm vom Olymp,

So tröstend die Welt gesegnet.

 

Noch die Buddhas,

Die bei Venzke, Berlin,

Manchmal zu Gast sind, WEI-

Dynastie, selten QI: nur

Diener auch sie,

Kräftig, glanzvoll aus seinem Glanz,

Yakushi, Retter-Arzt,

Höchster Herr übers Welt-Leid.

Kunsthändler-Stolz, zu Recht,

All diese Gäste aus Stein,

Schweigsam-starr,

Magische Tröster,

Um sie her auratische Kraft,

Und sie verwandelt den,

Der ihrem Lächeln, Traum-

Leisem, sich aussetzt –

Unmerklich trägt es ihn fort, und

Ist doch nirgends, sein Glück, als hier.

 

Kuroi sind sie, nicht Weihgeschenk,

Nicht auf Gräbern ein Denkmal,

Anders, ebenso zeitlos,

Eher wie Götter sie selbst,

Dank Yakushi Leidenslöser.

 

(Für Günter Venzke – 2001)

Im Yakushi-ji, südwestlich des heutigen Nara, einem der ältesten buddhistischen Tempel Japans, der zu seiner 1300-Jahr-Feier 2018 über Jahrzehnte hin vollständig renoviert worden ist, gibt es in der Haupthalle drei überlebensgroße Bronze-Figuren, die künstlerisch dem sog. Gandhâra-Stil zuzurechnen sind: in der Mitte der Buddha Yakushi (der Meister der Arzneien), im Lotus-Sitz, rechts und links flankiert von den beiden Bodhisattva Nikko (Sonne) und Gakko (Mond), aufrecht stehend, mit Spiel- und Standbein. Diese drei Bronze-Plastiken gelten als die elegantesten der gesamten buddhistischen Kunst. – Gandhâra: ein Königreich im Nordwesten des Indischen Subkontinents, dessen künstlerische Hervorbringungen unübersehbare Einflüsse seitens der griechischen Kunst aufweisen, vermittelt durch die Ausstrahlung des Hellenismus. – Die Zeiten der WEI- und QI-Dynastien (386-577) waren Höhepunkte buddhistischer Kunst im alten China. – Kuroi sind nackte Jünglingsgestalten, die im alten Griechenland entweder einem Gott zu Ehren als Weihgeschenk und Dankesgabe für einen Sieg bei sportlichen Wettkämpfen im Tempelbezirk des betreffenden Gottes oder als Grabdenkmäler auf Friedhöfen, den sog. Nekropolen, aufgestellt wurden. – Günter Venzke betreibt in Berlin, Fasanenstraße, eine Galerie für Buddhistische Kunst u.a. des alten China, die der Verfasser oft besucht und deren Exponate er mit geradezu ehrfürchtigem Staunen bewundert hat.